
Eine Ausgabe über Orte der Kraft in Graubünden
Schreiben über das Unsagbare
Warum dieses Heft trotzdem Sinn ergibt
Das Wort «Kraftort» hat ein Problem. Es klingt nach Räucherstäbchen, nach Bovis-Einheiten und Wasseradern – nach einer Welt, in der Felsen vibrieren und Landschaften heilen. Thomas Reitmaier vom Archäologischen Dienst Graubünden würde sagen: Das ist Pseudowissenschaft. Kein Ort ist von sich aus heilig. Es ist immer der Mensch, der das in einen Ort hineininterpretiert.
Ich gebe dem Wissenschaftler recht. Und trotzdem: Wenn Elisa Nunzi Giovanoli aus Soglio zwei Stunden auf einem Jägerpfad aufsteigt, um alleine auf einer Wiese zu sitzen, die sie niemandem zeigt – dann passiert da etwas. Wenn Paul Schlienger seit 25 Jahren jeden Sommer auf 2433 Meter weilt und sagt, das Glauben falle dort oben leichter als sonst wo, dann stimmt das für ihn. Wenn Timo Rhyner von der Greina-Stiftung die Hochebene verlässt und sagt, er sei «energetisiert» nach Hause gekommen – dann ist das seine ehrliche Beschreibung einer echten Erfahrung.
Vielleicht ist das die brauchbarste Definition eines Kraftorts: Ein Ort, an dem etwas in uns zur Ruhe kommt, was sonst keine Ruhe findet. Nicht weil der Ort besondere Kräfte hätte. Sondern weil wir dort ankommen. Weil der Weg lang und der Handyempfang schlecht genug ist, die Luft anders riecht und niemand etwas von uns will. Die Wirkung ist real. Die Erklärung ist banal.
Dieses Heft versucht, genau diesen Orten auf den Grund zu gehen – mit dem nötigen Respekt vor der Erfahrung und der nötigen Nüchternheit gegenüber der Erklärung. Wir schauen, was die Archäologie sagt und was sie nicht sagen kann. Wir begleiten Menschen zu ihren persönlichen Lieblingsplätzen im Kanton. Wir erzählen die Geschichte der Mineralquellen von Nairs, die seit der Bronzezeit verehrt werden und deren Trinkhalle heute zu verfallen droht. Wir besuchen Paul Schlienger in Ziteil, der auf die Frage, was dort oben genau passiert, antwortet: «Das ist das Geheimnis von Ziteil.»
Für uns Lesende mag das eine unbefriedigende Antwort sein. Aber manche Dinge lassen sich besser erleben als erklären. Schreibend und lesend kann man sich ihnen annähern – und vielleicht ist das ein guter Anfang.
Ich wünsche schöne Lektüre.
Julian Reich
Redaktionsleiter
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