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Hochalpine Gegend: Ziteil liegt auf 2433 Metern. (Fotos Tourismus Val Surses Savognin Bivio AG)
Domherr Paul Schlienger über seinen Weg vom Koch zum Priester, ­die restaurierten Barockaltäre von Ziteil – und das, was sich nicht ­beschreiben lässt.

Er ist längst schon wach, wenn um 6 Uhr die Angelusglocken läuten: Domherr Paul Schlienger. Als gelernter Gastgeber fand er erst spät zu sei­ner eigentlichen Berufung, der er nun seit 25 Jahren im höchstgelegenen Wallfahrtsort der Schweiz auf 2433 Metern nachgeht. Auch diesen Sommer wieder.
Wer ihn in seiner Churer Wohnung auf dem Hof besucht, landet sofort mitten in einem anderen Leben. An den Wänden hängen Stiche und Gemälde, auf den Regalen stehen Figuren und Fotografien. Irgendwo liegen, sorgfältig sortiert, alte Messgewänder – viele restauriert, viele noch in Arbeit. Und auf dem Tisch wartet ein Passionsfruchtmousse. Selbst gemacht, versteht sich.

Herr Schlienger, wann waren Sie das erste Mal in Ziteil?
1972, da war ich zehn Jahre alt. Ich bin im Fricktal in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Eine Reise in die Berge war etwas Besonderes. Mein Onkel war schon in den 1960er-Jahren nach Ziteil gepilgert. Als wir dann gemeinsam hochgingen, war das für mich ein riesiges Erlebnis. Die Natur, die Weite – das hat mich sofort gepackt.

Und daraus wurde eine lebenslange Verbindung?
Jedes Jahr am dritten Juliwochenende war immer unser Termin. Wir gründeten eine Gruppe für die Pilgerreise, die «Fricktaler Ziteil-Pilgervagabunden». Manchmal waren wir über 90 Personen – das Pilgerhaus war mit uns praktisch ausgebucht.

Wie wird man aus einem Zehnjährigen, der zum ersten Mal auf einen Berg steigt, zum Hüter dieses Ortes?
Das war kein Plan, es ist gewachsen. Ich war mit Pfarrer Duri Lozza eng befreundet. Er hat Ziteil 45 Jahre lang geprägt. Und er hat beim Bischof gebetet, dass ein Nachfolger kommt, der den Ort kennt und in seinem Sinn weiterführt. Also hat er mich vorgeschlagen. Der Bischof sagte zu, und so bin ich da oben gelandet.

«Da oben gelandet» klingt, als hätte das Leben für Sie entschieden. Wie sehr ist es Zufall respektive, wie wurde aus einem Koch ein Priester?
Wir waren von zu Hause aus religiös. Meine Mutter ist gestorben, als ich zehn Jahre alt war – das hat den Glauben in der Familie eher vertieft. Ich hatte schon als Junge immer gespürt, dass das Priestertum ein Weg für mich sein könnte. Aber studieren war kein Thema. Meine Schwester und ich waren zehn und elf, wir mussten den Haushalt mittragen. Also lernte ich einen Beruf und arbeitete jahrelang im Gastgewerbe. Der Gedanke ans Priestertum war immer da, irgendwo im Hintergrund.

Und wann wurde der Gedanke konkret?
Ich wollte heiraten, es stand sogar ein Hochzeitstermin fest. Und genau da wurde mir plötzlich klar: Das ist nicht mein Weg. Als ich das einmal gemerkt hatte, war es eindeutig. Ich habe ordentlich Theologie studiert, im Priesterseminar. Mit 37 wurde ich geweiht. Pfarrer Lozza sagte immer, ich sei die ideale Kombination als Gastwirt und Priester. Ich war im ersten Beruf Koch, hatte die Hotelfachschule absolviert. Heute sorge ich dafür, dass die Leute oben gut essen – frisch, regional. Den Kuchen backe ich selber, hier unten, bevor ich hochfahre.

Wie sieht ein Wochenende auf 2433 Metern aus?
Am Freitag starte ich gegen neun, zehn Uhr. Bis ich oben alles eingerichtet habe, ist es halb sechs abends. Ich baue im Surses Salat und Gemüse an – ich lege grossen Wert auf frische, regionale Sachen. Wir kochen mit Holz und Gas. Strom haben wir über eine 36-Volt-Solaranlage. Am Samstag stehe ich um fünf Uhr auf. Frühstück gibt es von sieben bis neun, um acht Uhr feiern wir die Pilgermesse. Am Nachmittag kommen die Übernachtungsgäste. Um halb sieben Nachtessen. Um neun Uhr Rosenkranz – das haben wir von Anfang an beibehalten. Spätestens um elf ist Nachtruhe.

Haben Sie im Sommer je frei?
Im Sommer eigentlich nicht. Das ist wie in der Gastronomie. Die Saison ist kurz – Juli, August, September –, aber intensiv.

Wer hilft Ihnen?
Menschen, die mit Ziteil verbunden sind. Einheimische, die kommen und putzen, Holz spalten, im Service mithelfen. Ich gebe ihnen eine kleine Anerkennung, aber das ist nicht das, was man sonst verdient. Sie tun es aus Verbundenheit. Ohne dieses Netz wäre es nicht machbar.

Ziteil ist nur zu Fuss erreichbar. 95 Prozent der Besucher wandern hoch, sagen Sie. Warum ist das wichtig?
Weil es zum Charakter dieses Ortes gehört. Es gibt eine Fahrstrasse, die um 1960 gebaut wurde – für Materialtransporte und besondere Anlässe. Altersheim­wallfahrten, Hochzeiten, Taufen. Dafür braucht man eine Bewilligung der Gemeinde Salouf. Wir haben sogar ein eigenes Ziteil-Auto. Aber der Weg zu Fuss ist nicht Hindernis – er ist Teil der Erfahrung.

In Zeitel kann man gut zwischen zwei Wanderungen übernachten. Was ist anders als in einer SAC-Hütte?
Wir sind ein Wallfahrtsort. Um sechs Uhr morgens läuten die Angelus-Glocken, um acht Uhr ist Messe. Man kann bei uns nicht einfach ausschlafen und kommen und gehen, wie man will. Der Schlafsaal liegt ja direkt über dem Kirchenraum. Wir sind offen für alle – aber man muss wissen, worauf man sich einlässt. Wer das religiöse Programm nicht mitmachen will, ist trotzdem herzlich willkommen. Manchmal ist ein Gespräch am Abendtisch für jemanden genauso wichtig wie eine Stunde in der Kirche.

Der Unterhalt von Ziteil ist teuer. Die Infrastruktur, der Permafrost, die ständigen Renovationen – wie finanziert sich das?
Auf dieser Höhe ist alles in Bewegung. Wir mussten die Wasserversorgung komplett neu erstellen, ebenso die Abwasseranlage, um den Vorschriften nachzukommen. Das Geld reicht manchmal knapp. Früher wurde mehr gespendet – das hat wie überall nachgelassen. Für grosse Projekte sind wir auf externe Unterstützung angewiesen. Einen alten Raum von 1704 – den ersten Raum, den es auf Ziteil gab – konnten wir vor zwei Jahren dank der Schweizerischen Inländischen Mission restaurieren. Wir haben alles ausgebaut, die Mauern verputzt, isoliert, die alten Bretter wieder eingesetzt, die Sichtbalken freigelegt. Ich habe Wert darauf gelegt, dass die Einrichtung dem Alter des Raumes entspricht. Jetzt sieht es traumhaft schön aus.

Glaube und Natur: Das grosse Fenster im Gotteshaus von Ziteil.
Glaube und Natur: Das grosse Fenster im Gotteshaus von Ziteil.
Glaube und Natur: Das grosse Fenster im Gotteshaus von Ziteil.

Ziteil besitzt drei Barockaltäre, die Sie jüngst restauriert haben – dafür haben Sie 25 Jahre gesammelt.
Mein Vorgänger Pfarrer Lozza hatte die Kirche 1959 stark umgestaltet – er räumte die barocke Ausstattung aus. Viele Einheimische konnten sich damit nicht anfreunden und blieben zuerst fern. Die zwei wichtigsten Altäre wurden eingelagert. Jetzt stehen sie wieder dort, wo sie standen. Rund 80 000 Franken kostete die Restaurierung, und es dauerte, bis das Geld beisammen war.

Warum war Ihnen das so wichtig?
Für uns ist ein Altar nicht nur ein Kunstwerk. Er lebt, wenn wir auf ihm die Messe feiern. Wie eine Ikone in der Orthodoxie – er hat eine Funktion. Heute sind die beiden Altäre in besserem Zustand als je zuvor. Blattvergoldung, alles im Original restauriert. Wer ein künstlerisches Auge hat, sieht es sofort. Und es hat auch ein sehr seltenes Altarbild – die Geburt Mariens. Das sieht man fast nirgends, weil man nicht mit der Geburt Jesu konkurrieren wollte. Das ist mein Highlight.

Die Gründungsgeschichte von Ziteil geht auf Marienerscheinungen von 1580 zurück. Wie erzählen Sie das jemandem, der noch nie davon gehört hat?
Mit Respekt vor dem, was wir nicht wissen. Vieles ist Legende – aber Legenden mit historischem Kern. Das alles ist im 16. Jahrhundert schriftlich festgehalten worden. Dokumente liegen auch im Vatikan. Zuerst erschien die Muttergottes einem Mädchen unterhalb einer Alp. Sie sagte, die Menschen sollen umkehren und Busse tun, und wünschte eine Kirche auf Ziteil. Vermutlich ist damit der damals aufkommende reformierte Glaube gemeint. Das Mädchen traute sich jedoch nicht, den Auftrag weiterzugeben. Vorerst geschah nichts.

Bis ein Hirtenbube die Botschaft weitertrug.
Ein Hirtenbube aus Marmels. Er hütete Kühe auf Ziteil. Dieselbe Erscheinung, dieselbe Botschaft. Diesmal gelangte sie bis zum Landvogt. Man glaubte dem Jungen zunächst nicht – die Leute wussten, wie hoch und unwirtlich der Ort war. Dann soll es aufgehört haben zu regnen, und erst als die Menschen zu beten begannen und Prozessionen zu halten, kam der Regen zurück. Das hat die Leute tief beeindruckt.

Ziteil gilt als «Gnadenort». Was heisst das konkret?
Wenn Menschen an einen Ort kommen, beten, um Hilfe bitten – und sich dann etwas Entscheidendes in ihrem Leben verändert, nennen wir das Gnade. Die erste Gnade sind oft Heilungen. Das war bei Jesus so. Wir haben Votivtafeln – Exvotos –, auf denen der Dank dieser Menschen festgehalten ist. Ein Beispiel ist ein Brand in Surava, der vor dem Dorf haltmachte. Oder 2021: Ein Vater fuhr mit einem schweren Traktor über sein zweijähriges Kind. Das Kind überlebte. Die Mutter kam danach auf Ziteil. Sie sagte, ohne die Hilfe von Ziteil wäre das Überleben des Kindes nicht denkbar gewesen.

Spüren Sie selbst etwas, wenn Sie in Ziteil ankommen?
Ja. Es fühlt sich anders an als in einer Pfarrei im Tal. Das sagen mir viele Leute: «Man kann es nicht beschreiben – man muss es erleben.» Es ist die Stille. Die Natur. Das spürte ich schon als Kind. Auf Ziteil war das Glauben leichter. Zu Hause musste man in die Kirche. Dort oben wollte man.

Was raten Sie jemandem, der zum ersten Mal nach Ziteil kommt?
Schauen Sie aufs Wetter. Es muss nicht strahlend blauer Himmel sein – aber auf 2433 Metern ist ein Gewitter kein Spass. Gute Bergschuhe, wetterfeste Kleidung. Und kommen Sie mit Offenheit. Lesen Sie ruhig etwas über die Geschichte von Ziteil. Aber lassen Sie Raum für die eigene Erfahrung. Bei den meisten passiert etwas. Manchmal sichtbar, manchmal im Stillen.

Was genau?
Das ist das Geheimnis von Ziteil.

Der Inennraum der Kirche von Ziteil.
Der Inennraum der Kirche von Ziteil.
Weitere Infos

 

Julian Reich ist Redaktionsleiter der «Terra Grischuna». julian.reich@somedia.ch

Online www.ziteil.ch