Kraftorte
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Der Kuppelsaal des Weissen Turms ist ein ungewöhnlicher Konzertsaal. Nur 32 Besucher passen hinein, dicht beieinander, im Winter empfiehlt sich warme Kleidung. Das zeigte die Uraufführung der «Schneekönigin» des Perkussionisten Miguel Ángel García Martín im Februar – es war zugleich die Einweihung des höchsten 3D-gedruckten Gebäudes der Welt als Veranstaltungsort. Viele sollten folgen, das Publikum verlangte sogar nach Zusatzaufführungen.
Der spanische Musiker erzählt Hans Christian Andersens «Die Schneekönigin» auf eigene Weise nach, mit Glocken, Trommeln, präparierten Instrumenten, experimentellen Klängen. Die Kritik schrieb von «Zauberei mit Geräuschen».
Für ungewöhnliche Konzertorte hat Origen ein Gespür. In guter Erinnerung sind die Aufführungen an exponierten Orten in ganz Mittelbünden, etwa am Staudamm Marmorera oder auf dem Julierpass, jeweils in eigens kreierten temporären Bauten aus Gerüsten und Folien. In diesem Sommer geht es wieder auf den Julierpass, diesmal wird nicht die Königin von Saba den Pass überschreiten, sondern der Feldherr Hannibal auf seinem Zug nach Rom 218 vor Christus. Auf dem Pass entsteht ein temporäres Feldlager mit übergrossen Zelten. Architektonisch verantwortet Jürg Conzett die temporäre Konstruktion. Die Musik komponierte Lorenz Dangel, es inszeniert Origen-Intendant Giovanni Netzer.
Rom als Jahresthema ist kein Zufall. Im Surses entdeckte man in den letzten Jahren bedeutende römische Funde. In Cunter entdeckte man ein Schlachtfeld aus dem Jahr 15 vor Christus – Zeugnisse des römischen Feldzugs gegen die Räter. Wurfgeschosse, Schilder und Dolche dokumentieren diesen Kampf.
Die rätoromanische Sprache, die im Surses gesprochen wird, ist selbst ein Produkt dieser römischen Invasion. Die kulturelle Eigenheit wurzelt in einem Eroberungsfeldzug. Origen blickt in die Vergangenheit und schielt dennoch auf die Gegenwart: Auch heute ist imperiales Gehabe politische Realität.
Zum 13. Mal findet zudem Origens Tanzfestival statt. Acht Choreografinnen kreieren abendfüllende Uraufführungen. Bestätigt sind Nicola Wills, Sébastien Bertaud, Ilia Jivoy, Andrey Kaydanovskiy und Lucas Valente – Künstlerinnen von internationalem Rang. Die Bühnen verteilen sich auf drei Orte: Burg Riom, Clavadeira und die Remise des «Hotel Löwe» in Mulegns. Insgesamt sind 32 Aufführungen über sechs Wochen geplant. Wie stets bei Origen arbeiten die Choreografen ohne stilistische Vorgaben, einzige Bedingung ist das römische Thema. Das Tanzfestival läuft vom 23. Juli bis 9. August, das Freilichtspiel vom 3. Juli bis 22. August.
Autor Julian Reich ist Redaktionsleiter der «Terra Grischuna». julian.reich@somedia.ch
Online www.origen.ch