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Neues Holzkleid: Seit der Sanierung zeigt sich der Stützpunkt San Bernardino mit hölzerner Fassade. (Foto: Andrea Badrutt)
Jährlich passieren 2,7 Millionen Fahrzeuge die San-Bernardino-Strecke – und mittendrin steht William Kloter. Der 48-Jährige leitet die grösste Polizeiregion Graubündens, vom Rheintal bis vor Bellinzona. Sein Stützpunkt ist mehr als ein Verkehrsposten: Er ist Schaltzentrale, Notfall-Backup und Grenzwächter gegen Schmuggler. Jetzt kommt die nächste Herausforderung.

Plötzlich wird William Kloter ernst. Eben noch witzelte der Chef der Polizeiregion «Rhein Moesa» über eine Anekdote aus dem Polizeialltag, jetzt zieht er die Mundwinkel in die Gerade und setzt einen kühlen Blick auf. Er stellt sich in voller Grösse in den Eingangsbereich des Stützpunktes San Bernardino, die Arme verschränkt, gut sichtbar das Abzeichen mit dem Steinbock am Oberarm, das «POLIZIA» auf der Brust. Mit ernster Miene schaut er in die Kamera.

Wieso so ernst? Kloter weiss, wie wichtig das Bild ist, das sich die Öffentlichkeit von der Staatsgewalt macht, und ein Lachen am falschen Ort kann dieses Bild beschädigen. Und dass man als Polizist unter besonderer Beobachtung steht.

William Kloter, seit zwölf Jahren Regionenchef «Rhein Moesa». (Bild: Julian Reich)
William Kloter, seit zwölf Jahren Regionenchef «Rhein Moesa». (Bild: Julian Reich)

Wenn das Bild Risse bekommt

Ein Vorfall vor einigen Jahren lehrte ihn schmerzhaft, wie schnell das Bild bröckelt. Kloter wurde geblitzt – zweimal innerhalb weniger Monate. Die Schlagzeilen waren gnadenlos. Zwar sprach ihn ein Gericht später in Teilen frei, er war dienstlich und mit gutem Grund schnell unterwegs gewesen. Dennoch: Die Meinungen waren gemacht. Wer seinen Namen googelt, kommt nicht an der Geschichte vorbei.
Die Erfahrung scheint seinen Führungsstil geprägt zu haben. Heute predigt er seinen jungen Polizisten, dass echte Glaubwürdigkeit mit einer selbstkritischen Haltung beginnt. Denn was er auf keinen Fall will: dass sich die Polizei und die Bürger in unterschiedlichen Welten bewegen. «Wir Polizisten müssen nahbar, freundlich und korrekt sein», sagt er. Die Polizei als Freund und Helfer, die auch mal einem Autofahrer dabei hilft, Schneeketten zu montieren.
Wir setzen uns an den grossen Tisch im schmuck­losen Besprechungsraum des Stützpunktes, und Kloter erzählt die erste von vielen Anekdoten. Kürzlich erst kam eine E-Mail eines deutschen Touristen, der im Sommer mit seinen Töchtern durch die Region gefahren war und für eine Kontrolle hatte anhalten müssen. «Schau, die Bullen», meinte die Tochter vor der Kontrolle. Heute sei ihre Wortwahl eine andere, und das nur, weil die Begegnung so professionell und freundlich gewesen sei, so der Vater in seiner Mail. «Solche Geschichten sind für mich ein grösserer Erfolg als jede Statistik», sagt Kloter.

Alpine Kulisse: San Bernardino ist kein gewöhnlicher Arbeitsplatz. (Bild: Andrea Badrutt)
Alpine Kulisse: San Bernardino ist kein gewöhnlicher Arbeitsplatz. (Bild: Andrea Badrutt)

Schon der Vater war Landjäger

Das Polizei-Gen liegt bei Kloter in der Familie. Aufgewachsen ist er als Sohn eines der letzten «Bündner Landjäger», wie die Bündner Polizisten früher genannt wurden. Auch sein Zwillingsbruder arbeitet mittlerweile als Gesetzeshüter und ist ihm unterstellt. Ein Kuriosum, das im Alltag jedoch kein Thema sei. Seit zwölf Jahren ist William Kloter bei der Kantonspolizei, zuvor diente er bei der Schweizer Garde in Rom. Seine Polizeiregion wuchs in diesen Jahren zur grössten des Kantons an. Sie erstreckt sich von Landquart bis vor die Tore Bellinzonas und bis nach Arosa und Trin.
Der San Bernardino selbst ist kein gewöhnlicher Arbeitsplatz; er ist ein topografisches Extrem. Auf nur 15 Kilometern überwindet die A13 hier 1000 Höhenmeter. Schwere Lastwagen kriechen mit 30 km/h den Berg hoch, während Touristen mit 100 km/h drängeln – eine Konstellation, die jährlich zu rund 80 bis 100 Unfällen führt. «Verkehrspolizeilich ein Eldorado», sagt Kloter.
Auf dem Weg in den Süden kann er ganz genau die Stellen angeben, an denen jährlich vier bis fünf deutsche oder holländische Fahrer einschlafen. Einfach weil sie schon so lange unterwegs sind und meinen, das Schlimmste überstanden zu haben.

Den ganzen Kanton im Blick: in der Einsatzzentrale San Bernardino. (Bild: Julian Reich)
Den ganzen Kanton im Blick: in der Einsatzzentrale San Bernardino. (Bild: Julian Reich)

Die zweite Zentrale

Wir sind in der Einsatzzentrale angelangt, im Endausbau einer Kopie quasi der Hauptzentrale in Chur. Im Notfall, etwa bei einem Erdbeben oder System­ausfall in der Zentrale, soll San Bernardino die Führungsfähigkeit für den ganzen Kanton übernehmen. Kloter und sein Team haben Zugriff auf alle Kameras des Verkehrsnetzes, können Funksprüche aller Kantonsregionen überwachen.
Er zeigt den Einsatzplan des Tages, auf dem nicht nur notiert ist, wer heute Dienst hat und welche speziellen Anlässe und Vorkommnisse im Kanton erwartet sind. Er zeigt auch, welche Anweisungen gelten für die allgemeine Kontrolltätigkeit der Polizisten auf der Strasse. Der Plan zeigt: Die Polizei ­
in San Bernardino hat mit weit mehr zu tun als mit Unfällen und Rasereien – hier weht auch der Wind der Weltpolitik.

Ein Arbeitsplatz für jeden

William Kloter und seine rund 20 Mitarbeitenden am Standort San Bernardino arbeiten heute in einem modernen Gebäude. Die alte Anlage von 1972 war nach fünfzig Jahren am Ende ihrer Lebensdauer – zugig, funktional veraltet, wenig einladend für ein Team, das hier rund um die Uhr arbeitet.
2020 startete der Kanton die umfassende Instandsetzung. 7,3 Millionen Franken flossen in den Stützpunkt. Ein Jahr später war das Gebäude nicht wiederzuerkennen. Eine Holzhülle gab ihm ein neues Gesicht, die Büros wurden optimiert, die Garagen für Spezialfahrzeuge erweitert. Ein Aufzug und der barrierefreie Zugang machten die Anlage zugänglich für alle. Die gesamte Haustechnik wurde erneuert, die elektrotechnische Infrastruktur modernisiert. Brandschutz und Erdbebensicherheit sind heute massiv verbessert. Und, dem Regionenchef besonders wichtig: Jeder Mitarbeitende hat einen eigenen Schreibtisch – nicht selbstverständlich in der heutigen Zeit der Rollschränke und Laptops.

Harte Pritsche: Die Gefängnis­zelle ist wenig einladend. (Bild: Julian Reich)
Harte Pritsche: Die Gefängnis­zelle ist wenig einladend. (Bild: Julian Reich)

Auf dem Weg zur Erlebnis-Region?

Doch die Zukunft des Stützpunktes wird anders aussehen – oder könnte es zumindest. Die Region wandelt sich gerade: Eine halbe Milliarde Franken fliessen in den touristischen Ausbau von San Bernardino und Splügen, 1500 neue Hotelbetten entstehen, Freizeitangebote und Diskotheken folgen. Kloter verweist auf die Regionen wie das Engadin und Mittelbünden, wo der Tourismus für starke saisonale Schwankungen bei der Bevölkerung sorgt.
Das wird auch in San Bernardino der Fall sein. Freizeitaktivitäten rücken in den Vordergrund. Und mit ihnen andere Delikte: Skidiebstähle, Schlägereien in Bars, Diebstähle bei Grossveranstaltungen. Die Spitzenlast könnte sich auf Dezember und März verschieben.
Wie aber bewältigt ein Stützpunkt zwei völlig unterschiedliche Aufgaben gleichzeitig? Ein Verkehrspolizist kann nicht gleichzeitig einen Skiunfall auf der Piste aufnehmen und einen schweren Unfall auf der A13 betreuen. Mehr Ressourcen müssen vor Ort stationiert werden, um die Freizeitdelikte abzufangen, ohne die Sicherheit auf der Transitachse zu gefährden. San Bernardino würde vielseitiger – und auch für Mitarbeitende ein noch attraktiverer Standort.
Wir sind bald am Ende unseres Rundgangs durch den Stützpunkt, vorbei an der Gefängniszelle mit der harten Matratze, ebenso an der neuen Garage für die Einsatzfahrzeuge, den Schlafplätzen für den Pikett-Dienst. Zurück im Treppenhaus, wo Kloter vor dem grossen Panorama steht, das der Fotograf Andrea Badrutt für diesen Ort geschaffen hat. Das Bild zeigt den ganzen San Bernardino Pass vom Rheinwald bis hinunter nach Pian San Giacomo.

«Der Pass ist der Übergang zwischen dem südlichen Lebensgefühl, dem Dolce Vita, und dem Norden, wo alles etwas präziser und geordneter ist», sagt Kloter. Beides schätzt er, in beidem ist er zu Hause. Genug geschwärmt aber. Er dreht sich um, schaut ernst: Zeit fürs Foto.

Weitere Infos

Julian Reich ist Redaktionsleiter der Terra Grischuna.