Kunst im Freien
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Über 50 Jahre ist das her. Über 5000 Kunstwerke, zumeist Gemälde, hat er seither geschaffen, aber auch viele Skulpturen für den öffentlichen Raum. In Thusis und Chur stehen mehrere seiner Skulpturen – ebenso in Bad Ragaz, Basel und Neuchâtel. Indermaur gehört zu den beliebtesten Künstlern Graubündens, wenn nicht der Schweiz.
Seine Kunst kommt an beim Publikum – und genau das macht manche Kritiker misstrauisch. Was viele mögen, kann nicht gut sein, scheint die Logik. Indermaur zuckt mit den Schultern. Warum ihm das egal ist? Wir gehen ins Haus, und er erzählt.
Robert Indermaur wuchs in Chur auf, als «Rheinquartierler» im Stadtteil unterhalb des Bahnhofs. Der Vater war Tiefbautechniker beim Kanton und viel unterwegs auf den Strassen Graubündens. Oft brachte er alte Strassenpläne nach Hause, die wie Handorgeln gefaltet sind. Darauf zeichneten die Kinder abends am Küchentisch, ein Fernseher fehlte. «Vielleicht kommt daher meine Idee, mit Bildern zu kommunizieren», sagt Indermaur.
Es war der Vater, der erklärte: Lern was Rechtes. Das Lehrerseminar sollte es ein, doch der junge Mann hasste es. Weil er das tat, lief er jeweils extra früher von zuhause los. «Wenn ich schon nicht hin will, dann will ich sicher nicht hinrennen müssen», erzählt Indermaur und lacht schallend. Das Lehrerpatent erhielt er trotzdem, unterrichtete ein paar Jahre – und ging auf Reisen.
Als er zurückkehrte, konnte er ein Atelier in der Churer Altstadt übernehmen, zunächst nur einen Raum, der ihm und seiner Frau Barbara als Wohnung diente. Das Atelier an der Kirchgasse mieteten sie von der Stadt, 100 Franken pro Monat kostete es. Und der damalige Stadtpräsident Andrea Melchior, der Kunst und Kultur sehr zugetan war, kaufte alle zwei Jahre ein Bild. Geld für Kulturförderung gab es damals noch keines.
Eines Abends sassen die beiden Indermaurs im Hof und dachten: Eigentlich schade, hier müsste man doch etwas machen. Gerade war Walter Lietha aus Spanien heimgekehrt; der Liedermacher spielte nun Flamenco. 1974 war das. Sie luden ihn ein, es war der erste Anlass an jenem Ort, der bald «Klibühni Schnidrzunft» heissen sollte.
Zehn Jahre lebten die Indermaurs in den Räumen der Klibühni, Kunst und Alltag gingen Hand in Hand. Bis der Platz eng wurde, das dritte Kind war unterwegs, und ohnehin schien eine Epoche dem Ende nah. Waren bislang alle ehrenamtlich für die Klibühni tätig, wurden Stimmen für die Professionalisierung laut. Die Indermaurs zogen ins Domleschg, nach Almens zuerst.
Indermaurs Kunst hatte da bereits eine Verwandlung hinter sich. «Angefangen habe ich mit abstrakter Malerei – das machten damals viele, denn realistisch malen, das galt als vorbei», erinnert er sich. An Vernissagen stand man beisammen und sprach über die Leichtigkeit einer Komposition oder ihre Schwere, über Technik und Farbauftrag, formelhaft und leer klang das in Indermaurs Ohren. Er hätte so weitermalen können, denn er verkaufte früh schon gut – «aber das wollte ich nicht.» Er suchte nach einer Sprache, mit der er Menschen direkt erreichen konnte, mit der er Geschichten erzählen konnte. «Und welche Sprache ist universeller als das Gesicht? Jeder und jede kann Gesichter lesen, egal ob jemand aus der Schweiz, Amerika oder China kommt.» Er begann, figürlich zu malen, «und es wurde mir immer wohler in meiner Haut».
Seither bevölkern Figuren seine Bilder. Manchmal arbeitet er ein ganzes Jahr nur an Paaren – Menschen, die einander begegnen, umkreisen, betrachten. Wir stehen im Untergeschoss seines Hauses, wo Dutzende von Ölbildern lagern, aufgestellt und aufgereiht. Indermaur blättert darin wie in einem Buch über die letzten fünf Jahrzehnte. Er zieht eines hervor: Eine Frau sitzt in einem Schaufenster – wie im Rotlichtviertel von Amsterdam. Aber diese hier bietet sich nicht einfach an. Das Kleid ist hochgeschlossen, die Haltung unsicher. «Sie probiert nur aus, was es bedeutet, dort zu sitzen. Mutig und erschrocken zugleich über die eigene Frechheit», sagt er.
So sind Indermaurs Figuren. Sie offenbaren etwas, aber nie eindeutig. Sie schauen zurück, und jeder sieht etwas anderes. Man begegnet ihnen im ganzen Kanton, vor allem aber in Chur: auf dem Postplatz, dem Theaterplatz, beim Kunstmuseum. Und an sechs Häuserwänden, verteilt in der Stadt. Diese Figuren, darunter «Der Geiger» am Bahnhof, entstanden im Rahmen einer Einzelausstellung im Bündner Kunstmuseum in Chur 1983/1984. «Ich konnte meine Sachen damals im Untergeschoss der Villa Planta zeigen. Aber da dachte ich: Ich will nicht hier im Keller versauern, ich will raus zu den Menschen.» Also malte er im Umkreis des Museums an die Wände – heute stehen sie unter Denkmalschutz.
Wenn er von der Kunst leben wollte, das war Indermaur früh klar, musste er ein möglichst grosses Publikum finden. Einer seiner ersten Galeristen stellte an der Art Basel aus. 50 000 Besucher statt 200 an einer Vernissage in Chur – für Indermaur eine einfache Rechnung. Die Bündner Kollegen rümpften die Nase: Kommerz. Indermaur lächelt darüber.
Er nimmt sein Telefon hervor und liest eine E-Mail vor, die er kürzlich erhalten hat: «Geschätzter Herr Indermaur, seit etlichen Jahren bereiten Ihre Bilder meiner Frau und mir sehr grosse Freude. Es ist mir ein Anliegen, Ihnen dafür zu danken. Ihre Kunst begleitet uns durch den Alltag und bereichert ihn auf eine spielerisch charmante Weise.» Er legt das Telefon auf den Tisch. «Was mehr, soll ich wollen?»
Seit er den Entscheid zur Kunst gefällt hat, kann er davon leben. Die Familie wuchs auf fünf Köpfe an, heute lebt er mit seiner Frau in einem nach eigenen Entwürfen umgebauten Haus mit grosszügigem Atelierstall in Paspels, in dem wir mittlerweile stehen. Das letzte Licht fällt durch die zwei Stockwerke hohe Fensterfront. Wir sprechen über das Älterwerden, den Nachlass, sein Vermächtnis. 78 Jahre alt ist er, und seit seine Frau wegen einer Krankheit ans Bett gefesselt ist, ist das Thema Endlichkeit noch einmal präsenter geworden.
«Was sich verkaufen lässt, sollen sie verkaufen. Und was nicht gut ist, sollen sie wegschmeissen oder einschmelzen.» Er überlässt den Entscheid seinen Erben. Selber will er malen und bildhauern, bis es nicht mehr geht. «Wenn es gut läuft, sieht man auf meinem letzten Bild einen langen Strich, der langsam nach unten zeigt. Dann weisst du: Jetzt ist er gegangen.»
Julian Reich ist Redaktionsleiter der Terra Grischuna.