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Fabian "Bane" Florin (Foto Jen Ries)
Der Churer Künstler Fabian «Bane» Florin visualisiert alles: das Café in Berlin, das Hotelzimmer, das Büro in zehn Jahren. Der 42-Jährige hat einen weiten Weg hinter sich – von der Sucht über die Therapie zur Kunst. Heute prägen seine Murals die Stadt.

Terra Grischuna: Fabian Florin, Ihr Weg zum Street-Art-Künstler war nicht eben gradlinig. Sie haben während einer Therapie den Zugang zu Ihrer Kreativität gefunden. Was ist damals passiert?

Ich war wegen meiner Suchterkrankung in ziemliche Schwierigkeiten geraten. Statt einer Gefängnisstrafe konnte ich jedoch eine Therapie antreten. Während dieser Zeit in der Klinik fing ich an, ganz einfache Sachen nachzuzeichnen. Ich kopierte und kolorierte zum Beispiel Bilder, die ich mit Googeln gefunden hatte. Zwar hatte ich in den 90er-Jahren schon ein wenig gesprayt, aber immer mit einem ungesunden Körper und einem ungesunden Geist. Jetzt war ich plötzlich klar im Kopf. Das hat viel verändert.

Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie erkannt haben: Ich kann das?

Es war an einem Graffiti-Contest, zu dem ich mich spontan angemeldet hatte. Da dachte ich: Oh mein Gott, schau mal, was ich jetzt mache. Wo bin ich? Ich will nie mehr weg von hier. Meine Freizeit war danach nicht mehr dieselbe – nichts mehr mit rumhängen, nichts mehr mit ausschlafen. Nur noch malen.

Und dann haben Sie das Malen zum Beruf gemacht?

Richtig. Nur durfte ich während der Therapie kein eigenes Geld verdienen, das ist eine gesetzliche Vorgabe. Die Leute vom Amt für Justizvollzug und mein Bewährungshelfer sahen jedoch, dass ich mit voller Kraft in diese Richtung wollte. Sie unterstützten mich sehr. Ich musste das Geld, das ich für meine Arbeiten bekam, jeweils direkt in Farbe investieren. Für mich war das ein guter ­Deal. ­Ich ging für 300 Franken malen und holte für 300 Franken Material. Das nächste Mal bekam ich 500 Franken. So konnte ich immer weiterarbeiten – und üben.

Für Nach der Therapie brauchten Sie einen Job.
Ich habe ein Grafiker-Praktikum in Zürich angenommen, ein halbes Jahr lang. Am Wochenende malte ich meine Bilder und verdiente bald mehr als mit dem Praktikantenlohn. Da dachte ich mir: Sorry, ich kündige. Ab dann war ich selbstständig und konnte von Montag bis Montag malen. Meine Fähigkeiten, meine Skills, machten einen Sprung nach oben.

Der Fischer: An der Plessur verewigte Fabian «Bane» Florin den Churer Fredy Dekumbis mit einem grossen, dreidimensional anmutenden Mural.
Der Fischer: An der Plessur verewigte Fabian «Bane» Florin den Churer Fredy Dekumbis mit einem grossen, dreidimensional anmutenden Mural.

Sprechen wir über Ihre Technik. Wie entstehen Ihre Bilder?

Zuerst stelle ich mir alles vor. Ich versuche, das Ergebnis so gut wie möglich zu visualisieren. Ich könnte Ihnen nicht einfach so spontan einen Elefanten an die Wand malen, der von einem Sonnenuntergang beschienen wird und so weiter. Keine Chance. Darum denke ich mir immer alles ganz genau im Kopf aus. Und dann versuche ich, dieses Bild fotografisch nachzustellen.

Wie kommt das Bild aus dem Kopf auf das Foto und dann an die Wand?

Ich suche mir in Brockenstuben und Blumenläden und überall Requisiten zusammen, nehme meine Freundin als Model und inszeniere das Bild, bis es perfekt ist. Manchmal kommt es sogar besser, als ­ich es mir vorgestellt habe, manchmal ist es schwieriger.

Gibt es auch Bilder, die sich erst beim Malen entwickeln?

Es kann vorkommen, dass sich nicht gleich ein Bild einstellt. Dann lasse ich mich treiben. Ich habe vielleicht nur eine unscharfe Ahnung, in welche Richtung es gehen soll. Dann fange ich an und lasse mich vom Prozess leiten. Auch das kommt vor. Mit den Jahren hat sich eine Zuversicht eingestellt, dass es schon gut kommt. Wissen Sie, ich war schon wirklich tief unten in meinem Leben. Was soll schon passieren, wenn mal etwas nicht ganz so gut wird? Ich kenne keine Angst mehr.

Sie sind offenbar ein sehr visueller Mensch, ich funktioniere eher sprachlich – wie muss ich es mir in Ihrem Kopf vorstellen?

(Lacht) Ich visualisiere alles. Wenn ich weiss, dass ich morgen in Berlin eine Wand male, stelle ich mir schon vorher vor, wie das Café um die Ecke eingerichtet ist, wie mein Hotelzimmer aussieht, wie ich mich organisiere. Das passiert alles sehr bildhaft. Ich visualisiere auch, wie unser Büro hier in zehn Jahren aussieht. Das habe ich alles schon im Kopf.

 

Mit Dose und Maske: Fabian Florin im Einsatz. (Bild: Remy Steiner)
Mit Dose und Maske: Fabian Florin im Einsatz. (Bild: Remy Steiner)

Wir treffen uns in Ihrem Büro bei der Firma Wand AG in Chur, bei der Sie Teilhaber sind. Was macht diese Firma?

Ich habe damals ganz allein angefangen mit dem Sprayen von grossen Wänden, trug jedoch schon lange eine Business-Idee mit mir herum. Ich wollte als Kunsthandwerker Auftragsarbeiten für Kunden malen. Im Ausland, in New York, in Deutschland, in London gibt es das schon seit Jahren. Das Konzept ist: Sie haben Wände an guten Lagen. Die Wände vermieten Sie, wie die APG Plakate vermietet, aber anstatt ein Plakat aufzuhängen, malen wir das Plakat.

Und wie kam es zur Firma?

Ich wollte malen, ich wollte kreativ sein, ich wollte ein Geschäft führen. Aber ich wollte nicht Chef sein. Also habe ich mir einen Chef gesucht.

Und den haben Sie gefunden?
Andy Arnold hat früher bei Manor gearbeitet und hatte mir damals einen Auftrag gegeben. Später ist er nach Graubünden gezogen und suchte nach einer neuen Herausforderung. Und so kam eins zum anderen. Heute ist er der CEO. Auch die anderen im Team sind gute Freundinnen und Freunde von mir. Mit Anita Willi beispielsweise organisieren wir das Street Art Festival in Chur, weil sie das einfach sehr gut kann, weil sie die Beste ist.

Welche Rolle haben Sie in der Firma?

Ich bin für die Kuration und die Kreation zuständig. Selber spraye ich nur noch selten Auftragsarbeiten, wir arbeiten dafür mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Ich entwickle Konzepte und Storys für die Kunden, schaue, dass das Ganze gut dokumentiert, fotografiert, gefilmt wird.

Warum distanzieren Sie sich so von den Auftragsarbeiten?

Auftragsarbeiten waren mein Trainingslager. Ich habe Dinge gemalt, auf die ich wenig Lust hatte – aber genau so bin ich technisch an meine Idole herangekommen. Ich wurde bezahlt fürs Lernen. Aber irgendwann hatte ich ein gewisses Niveau erreicht. Es war nur noch Abdrücken, keine Herausforderung mehr. Und der Tag hat nur 24 Stunden. Eine Wand gestalten ist wahnsinnig zeitintensiv.

Die grösste Leinwand der Schweiz: Detail des Mühleturms in Chur.
Die grösste Leinwand der Schweiz: Detail des Mühleturms in Chur.

Sie sind der Initiant des Street Art Festivals in Chur. Die Stadt sieht heute anders aus als früher, bunter, moderner – auch dank Ihnen. Wie kam es eigentlich zu diesem Festival?

Ich war viel an Streetart-Festivals im Ausland und habe mich immer sehr darüber aufgeregt, wie schlecht sie organisiert sind. Irgendwann fand ich: Wir brauchen so etwas hier in Chur. Der damalige Stadtrat war sehr offen für die Idee. Wir haben mit ein paar wenigen legalen Wänden angefangen, und mittlerweile sind wir doch sehr gross geworden.

Was treibt Sie an?

Coole Sachen machen. Das führt schnell zur grossen Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Was hinterlasse ich? Ich habe den Drang, Menschen zu berühren, etwas zu hinterlassen, das bleibt. Ich habe das Gefühl, dass ich der Gesellschaft etwas zurückzugeben habe. Kunst und Kultur, das sind Grundbedürfnisse der Menschen. Und wenn ich den Leuten Freude machen kann, dann bin ich auch zufrieden.

Graffiti sind eine sehr vergängliche Kunst – wie gehen Sie damit um?

Diese Kunst kommt aus dem Mindset, dass wir an einem Ort ein Bild malen können und am Abend Tschüss sagen müssen. Wir lernen, sehr früh loszulassen, das gehört dazu. Zum Glück kann man ja heute mit jedem Mobiltelefon ein gutes Foto machen.

Ihre Werke sind fotorealistisch, zeigen aber auch fantastische Szenerien. Ich frage mich: Geht es Ihnen dabei auch darum, andere Realitäten zu schaffen?

Diese Frage habe ich mir so noch nie gestellt. Ja, es hat sicher etwas damit zu tun. Ich kreiere mir meine Realität während des Machens selber. Das Bild wird dann zu einer anderen Realität. Dann bin ich dort. Dann bin ich bei der Frau, der Blumen aus dem Kopf wachsen. Vielleicht ist es das, was andere Menschen berührt – dass man etwas kreiert, wo die Leute kurz in die Ferien gehen können. In eine andere Realität. Ja, vielleicht haben Sie recht.

Fabian «Bane» Florin und das Street Art Festival Chur

Fabian «Bane» Florin, 42, ist einer der bekanntesten Street-Art-Künstler der Schweiz. Der Churer trägt den Künstlernamen «Bane» (Gift) als Mahnmal für seine überwundene Sucht. Heute zieren seine hyperrealistischen Murals Wände von Chur bis Südamerika. 2018 verwandelte er den 42 Meter hohen Churer Mühleturm mit einem Bergkristall-Motiv in das grösste Wandgemälde der Schweiz. In unregelmässigen Abständen erneuert und ändert er das Motiv.

Als Gründer und Präsident des «Vereins für urbane Kultur Graubünden» initiierte Florin das Street Art Festival Chur. Das Festival findet alle zwei Jahre statt. Seit den Anfängen mit wenigen legalen Wänden ist das Festival stark gewachsen und prägt heute das Stadtbild massgeblich. Internationale Künstler gestalten jährlich neue Fassaden, die Stadt wird zur Freiluft-Galerie. Florin kuratiert die Projekte, vermittelt zwischen Hauseigentümern und Künstlern. Sein Ziel: Kunst für alle zugänglich machen – und anderen Künstlern eine Plattform bieten. Das nächste Festival findet vom 26. bis 28. Juni 2026 statt.

www.fabianflorin.ch

www.streetartfestival.ch

 

Stillleben mit Schädel: Florin sprayt nicht nur an Wände.
Stillleben mit Schädel: Florin sprayt nicht nur an Wände.
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Julian Reich ist Redaktionsleiter der Terra Grischuna.