Blau
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Ob sie es ahnt? Die Frau im orangen Kopftuch steht auf einer Strasse und spricht in ihr Mobiltelefon, das sie flach in der Hand hält. Ob sie weiss, dass sie gerade fotografiert wird? Denn wenig entfernt steht Donat Caduff, selber mit einem Handy in der Hand, und drückt auf den Auslöser. Aber so, dass hoffentlich niemand sieht, dass er fotografiert – er tut es heimlich, er tut es versteckt.
Der öffentliche Raum ist ein seltsamer Ort. Wir verschwinden im unendlichen Strom der Gesichter auf den Plätzen dieser Welt. Zugleich setzen wir uns aus: der Willkür des Zufalls, dem Blick der anderen auch. Und Kameras.
Sie sind überall, gerade in den Metropolen Rom und Paris, wo Donat Caduff 2024 und 2025 für mehrmonatige Atelieraufenthalte lebte. Kameras in den Händen der Menschen, aber auch an den Wänden der Häuser – sie beobachten, zeichnen auf, halten fest. Caduff tat es ihnen gleich. Er streifte durch die Gassen und Vororte der Grossstädte und fotografierte. Mal mit Kamera und Stativ, mal mit Smartphone und aus der Hüfte.
«Observaziuns obsessivas» oder «Besessen betrachtend» nennt Caduff die Ergebnisse seiner Streifzüge: Fotografien und Zeichnungen, zu sehen im Ausstellungshaus Cularta in Laax. Ist er ein besessener Beobachter? Wir stehen in der Ausstellung, schauen uns im oberen Stockwerk eine Projektion von Fotos an, die er in den Abendstunden in Paris und Rom geschossen hat. Und er erzählt, wie er zu lange am Meer geblieben war, um Bilder einzufangen, so lange, dass er die Metro zurück verpasste. «Wenn ich so unterwegs bin, blende ich alles andere aus. Ich kann mich nicht mal erinnern, was für Wetter es war.»
Es gibt Menschen mit ganz bestimmten Leidenschaften, Briefmarken oder Langstreckenläufe oder irgendetwas, in das sie sich ein Leben lang hineinarbeiten, immer tiefer. Beim 1982 in Sagogn geborenen Donat Caduff sind es mehrere, viele Dinge, die sein Interesse wecken – und in denen er sich souverän bewegt. Er ist ausgebildeter Grafiker, hat Bücher über Dorfstrukturen in Graubünden und den Ritus der Gemeindeversammlung geschrieben, fotografiert und gestaltet, hat Ausstellungen gezeigt und Essays verfasst. Er beobachtet mit Kamera und Bleistift, in Bildern und in Worten. «Mich hat die Breite immer mehr interessiert als die Tiefe», sagt er. «Natürlich gibt es Menschen, die besser fotografieren als ich, die besser zeichnen, besser schreiben.» Es entspreche nun mal seinem Naturell, zwischen den Disziplinen zu wechseln, um herauszufinden, was ein Medium leisten kann, was das andere nicht vermag.
Dabei versteht er seine handwerklichen Fähigkeiten – insbesondere die Grafik – weniger als Selbstzweck, sondern als nützliche Werkzeuge für eine Art visuelle Forschung. Statt sich im Kunstbetrieb zu profilieren, sichert er sich seine künstlerische Freiheit durch einen Teilzeit-Job als Fahrplaner, um seine Projekte ohne kommerziellen Druck oder die Erwartungen anderer verfolgen zu können.
Deshalb auch die Atelieraufenthalte in Rom und Paris, bei denen er sich vornahm, viel im öffentlichen Raum zu spazieren. Und sich wieder einmal dem Zeichnen zu widmen, einer alten Leidenschaft, für die er jedoch Freiraum, freie Zeit, benötigt. Er streifte also durch die Städte, beobachtete und hielt fest.
Danach kehrte der Künstler, einem Jäger gleich, zurück ins Atelier. Und zeichnete. Sein Plan: jeden Tag eine Zeichnung. Die Figuren schälte er aus ihrer Umgebung heraus, entfernte den Hintergrund der Stadt und zeigt sie in ihrem alltäglichen, banalen Sein.
Jetzt stellt er die Zeichnungen – ergänzt mit Motiven, die erst später in Laax und Flims entstanden – in der Cularta aus. Und das ist, nach dem Abzeichnen der Fotografien, die zweite Transformation der Motive. Plötzlich hängen sie im Galerien-Kontext und erhalten dadurch einen neuen Bedeutungsrahmen. Auch wie Caduff seine Fotografien im oberen Stockwerk präsentiert, verleiht den zumeist unspektakulären Motiven – Stadtansichten ohne touristischen Impuls, Natur-Ausschnitte in urbanen Umgebungen, Filmstills ähnelnden Alltagsszenen – eine neue Qualität. Das Unscheinbare wird gehaltvoll. Als sei es der Blick auf die Welt, der die Welt verändert.
Der öffentliche Raum ist auch der Ort der unwahrscheinlichen Begebenheiten. Ob die Frau mit dem Kopftuch je geahnt hätte, dass sie einmal in einer Galerie in Laax hängen würde?
Ausstellung bis 25. Oktober 2026
Infos zu Veranstaltungen: www.cularta.ch, www.donatcaduff.ch