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Die Minerva, gebettet auf Luftpolsterfolie. (Bild: Julian Reich)
Ein Terrakotta-Kopf im Depot des Rätischen Museums galt fast ein Jahrhundert lang als antikes Original. Die Archäologin Ute W. Gottschall hat ihn zuhinterst im Kulturgüterlager aufgespürt – und seine wahre Herkunft geklärt.

Die Göttin, die in Ungnade fiel

Hinter diesem 70 Zentimeter grossen Kopf mit hochgezogenem Helm steckt eine Geschichte, die von Chur nach Mailand und nach Sizilien führt. Ute W. Gottschall erzählt sie unter dem Titel «Von einer Göttin, die in Ungnade fiel» in einem Artikel, der vor Kurzem im «Bündner Monatsblatt» erschienen ist. Gottschall, Archäologin und Kulturwissenschaftlerin, eine zugewandte Frau mit wachem Blick, die Brille lässig aufs Haar geschoben, arbeitet als Inventarisatorin des Rätischen Museums. Sie ist zuständig für die Provenienzforschung, also das Klären der Herkunft eines Objektes.

Und die lag im Dunkeln, als sie auf diesen Frauenkopf stiess, zuhinterst im Kulturgüterschutzraum in Haldenstein, umgeben von 100 000 anderen Objekten in langen Reihen von Regalen. «Eine Minerva? Was macht die denn hier?», fragte Gottschall, als sie eher zufällig auf den Terrakotta-Kopf stiess.

Ute W. Gottschall, Archäologin und Inventarisatorin am Rätischen Museum, im Kulturgüterschutzraum in Haldenstein. (Bild: Julian Reich)

Für das Objekt war keine Inventarnummer zu finden, was seltsam ist in einem gut geführten Museum. Spätestens da erwachte Gottschalls detektivischer Spürsinn. Sie fand Hinweise im alten Sammlungskatalog von 1891 und in einer Notiz der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 23. September 1876, in der von einer «sehr wertvollen Bereicherung» der Sammlung die Rede war. Der Zeitungsbericht beschrieb das Objekt ehrfürchtig als das «auf Sizilien ausgegrabene Riesenmodell eines prachtvollen Minervakopfes», das von einem gewissen Herrn Reichmann aus Mailand eingebracht worden war.

Ein Name, ein Hinweis, und weiter gingen die Ermittlungen. Sie führten Gottschall tief in die Archive, wo sie die Identität des Spenders zu finden suchte. Es handelte sich um Alphonse Reichmann, einen erfolgreichen Hotelier in Mailand, dessen Familie ursprünglich aus dem Prättigau stammte. Er führte das renommierte Hotel dell'Armonia (auch Hotel Reichmann genannt), das als «Schweizer Pension» bekannt war und illustre Gäste wie Heinrich Heine oder den Sohn Goethes beherbergte.

Am Zoll gabs Probleme

Die Minerva war Teil einer Schenkung Reichmanns an das Museum von insgesamt zwölf Kisten mit «oggetti antichi», deren Ausfuhr aus Italien im Jahr 1876 sogar diplomatische Bemühungen und die Intervention der Schweizer Botschaft in Rom erforderte. Der Zoll hatte die Sendung zunächst beschlagnahmt. Dass er sie doch noch freigab, ist heute ein Beleg dafür, dass die Minerva legaler Herkunft ist.

Endlich in Chur angekommen, war man natürlich froh um den prominenten Zuwachs. Es war eine Zeit, in der die kulturgeschichtlichen Museen auch dazu da waren, der einheimischen Bevölkerung die Schätze fremder Kulturen zu vermitteln. Aus dieser Ära stammt auch der wohl bekannteste Zugang des Rätischen Museums: Die Mumie der Ta-di-Isis, einer ägyptischen Prinzessin aus der Zeit der 26. Dynastie, ca. 650 vor Christus. Sie liegt heute ebenfalls im Kulturgüterdepot in Haldenstein, wenige Reihen weiter, konserviert für die Ewigkeit – also ziemlich genau so, wie es sich die alten Ägypter für ihre Herrscherin gewünscht hatten.

Die skeptische Archäologin

Zurück zur Minerva, von der wir zwar die letzten Stationen ihrer Reise kennen, jedoch nicht ihren Ursprung. Während die Herkunft der Kisten nun lückenlos dokumentiert war, blieb die Frage nach der Echtheit des Kopfes selbst bestehen. War sie wirklich eine antike Kostbarkeit, wie die alten Ausstellungsfotos nahelegen? Das hatte sich auch schon die Archäologin Ingrid Metzger gefragt, bis 2002 Direktorin des Rätischen Museums.

Die Minerva auf einer historischen Aufnahme in der Ausstellung des Rätischen Museums. (Bild: Rätisches Museum, Chur)

Obwohl das Museum seine Minerva über fast ein Jahrhundert stolz als «antikes griechisches Original» präsentiert hatte, wuchsen bei Metzger die Zweifel. Die Übergrösse und der Wulst am Hals machen es wenig wahrscheinlich, dass der Kopf je Teil eines Standbildes gewesen war. Metzger war es schliesslich, die die entscheidende naturwissenschaftliche Untersuchung einleitete, um den Verdacht zu prüfen.

Der Laborbeweis

Im Jahr 1974 schickte Metzger den Kopf zur Thermolumineszenz-Datierung in ein Speziallabor nach Oxford. Der dortige Untersuchungsbericht vom 6. Juni 1974 lieferte ein ernüchterndes Ergebnis: Das Labor datierte das Alter des Kopfes auf weniger als 180 Jahre. Damit stand fest, dass die Minerva kein Werk der klassischen Antike war, sondern erst im 18. oder 19. Jahrhundert hergestellt worden war.

 

Die Minerva in einer Studioaufnahme des Rätischen Museums. (Bild: Rätisches Museum, Chur)

Heute ordnet Ute W. Gottschall den Kopf als «ein bemerkenswertes Werk des Klassizismus» ein. Vermutlich hatte ihn ein geschickter sizilianischer Töpfer geschaffen, der sich von der damaligen Antikenbegeisterung inspirieren liess. Ein einträgliches Geschäft zur damaligen Zeit.

Und so erzählt die Minerva heute eine ganz eigene Geschichte. Sie dokumentiert die frühe Sammlungsgeschichte des Museums und den Wandel in der Bewertung von Objekten: vom gefeierten Prunkstück hin zum Zeugnis der Rezeptionsgeschichte, das – versteckt zuunterst und zuhinterst in einer Kompaktus-Anlage – auf seine Wiederentdeckung wartete. Bis Ute W. Gottschall das Licht anzündete.

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Autor Julian Reich ist Redaktionsleiter der «Terra Grischuna». julian.reich@somedia.ch
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