Alp
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Seit 2023 listet die UNESCO die Alpkultur offiziell als immaterielles Kulturgut. Diese Auszeichnung ist mehr als ein Ehrentitel: Sie verpflichtet dazu, das lebendige Erbe aktiv zu pflegen und weiterzuentwickeln, sagt Peter Küchler, Präsident des neu gegründeten Vereins «Lebendige Alpsaison», der im Auftrag des Bundesamts für Kultur (BAK) Projekte zur Erhaltung des Kulturguts prüft und begleitet. Ohne dessen Empfehlungsschreiben fliessen keine Fördergelder des BAK. Es gehe dabei nicht um museales Konservieren, sondern um eine ganzheitliche Sicht auf die Alpwirtschaft, betont Küchler. Die Projekte reichen von der Suche nach robusten Schafrassen, welche die Landschaft offenhalten, bis zu journalistischen Porträts von Alppersonal. Ziel ist es, die Leistung der Älplerinnen und Älpler in der Gesellschaft sichtbarer zu machen und breite Unterstützung zu gewinnen. Küchlers Vision ist ambitioniert: So viele Mitglieder wie die Rega soll der Verein dereinst haben, um die nationale Bedeutung des Alpwesens zu unterstreichen. Es gehe darum, Identität und Vielfalt der Traditionen über Sprachgrenzen hinweg zu sichern.
Die Zukunft der Alpwirtschaft hängt laut Küchler von drei Säulen ab: Wasser, Vieh und Mensch. Beim Wasser macht sich der Klimawandel bemerkbar: Schwindende Gletscher und ausbleibende Schneereserven gefährden die Versorgung. Fehlt Trinkwasser für das Vieh oder die Käseherstellung, fliegt man es teils kostspielig per Helikopter auf die Alpen. Die zweite Herausforderung betrifft das Alpvieh selbst: Ökonomische Zwänge führen dazu, dass Betriebe immer weniger Milchkühe und dafür mehr Mutterkühe oder Jungvieh sömmern. Das führt zu einer «Verarmung» der Alpwirtschaft, weil die traditionelle Milchverarbeitung vor Ort zurückgeht. Drittens fehlt qualifiziertes Personal – der Fachkräftemangel ist auch auf der Alp angekommen. Die Arbeit fordert eine enorme physische und psychische Belastbarkeit: sieben Tage die Woche, ohne Ferien, der Natur ausgesetzt. Ohne Menschen, die dieses Handwerk beherrschen und Verantwortung für die Tiere übernehmen, überlebt das System nicht.

Die Alpen sind Teil der Kulturlandschaft Graubündens: Blick auf die Alp Parpeina in der Gemeinde Tschappina. (Bild: Julian Reich)
Für viele Alpverantwortliche beginnt die Sorge um Personal bereits im November, sagt Laura Helbling, Beraterin am Plantahof in Landquart. Die wichtigste digitale Anlaufstelle für die Stellensuche ist die Plattform zalp.ch, die einen Grossteil der Hirten- und Sennenstellen ausschreibt. Zusätzlich wird am Plantahof jährlich im Januar ein Treffen durchgeführt, bei dem sich Verantwortliche und Arbeitssuchende direkt austauschen. Ein beachtlicher Teil des Personals stammt aus dem nahen Ausland, vor allem aus Deutschland, Österreich und Italien: oft Studierende oder junge Berufsleute mit landwirtschaftlichem Hintergrund, die über Mundpropaganda und Freundeskreise den Weg auf die Schweizer Alpen finden. Die attraktiven Schweizer Löhne motivieren viele von ihnen zusätzlich. Dennoch bleibt es oft ein Wettlauf gegen die Zeit, bis zum Saisonstart alle Stellen besetzt sind – in Notfällen springen sogar Talbauern kurzfristig ein, um die Sömmerung zu sichern. Trotz der Schwierigkeiten bleibt die Faszination für den «Alpvirus» bei vielen über Jahre bestehen.
Die Studie «Die Alp als Lebens- und Arbeitsform» der Berner Fachhochschule zeigt: Die grösste Hürde für Alppersonal ist nicht der Lohn, sondern die Vereinbarkeit des Berufs mit dem restlichen Jahr. Viele Älpler können ihren gelernten Beruf nur schwer mit der dreimonatigen Abwesenheit im Sommer vereinbaren. Besonders wenn die Familienphase beginnt und Kinder schulpflichtig werden, bricht das System der saisonalen Alparbeit oft zusammen. Eine Lösung: Gemeinden stellen ihre Arbeitskräfte ganzjährig an und setzen sie im Winter für kommunale Aufgaben ein, etwa bei der Schneeräumung oder in der Werkstatt. Auch die Kombination mit Saisonstellen im Wintertourismus, etwa bei Skiliften, hat sich bewährt. Küchler regt zudem an, Kooperationen mit Organisationen wie dem Roten Kreuz zu prüfen, um im Winter soziale Fahrdienste durch Alppersonal abzudecken. Es brauche kreative Beschäftigungsmodelle, damit qualifizierte Leute der Alpwirtschaft über Jahrzehnte erhalten bleiben. Entscheidend für den Verbleib auf der Höhe sei am Ende die soziale und wirtschaftliche Integration im Tal.
Kein Thema hat die Alpwirtschaft in den letzten 25 Jahren so stark erschüttert wie die Rückkehr des Wolfs, sagt Küchler. Sie bedeutet massiven Mehraufwand, höhere Kosten für den Herdenschutz – und psychische Belastung für die Älpler. Herdenschutzhunde schaffen dabei neue Probleme: Im Winter verursachen sie in der Nähe von Siedlungen Lärm, gleichzeitig muss man sie im Umgang mit Wanderern trainieren. Eine aktive Regulierung der Wolfsbestände durch Jagddruck sei unumgänglich, damit der Wolf die Scheu vor Nutztieren behalte, betont Küchler. Graubünden habe zwar bewiesen, dass es mit Herdenschutzmassnahmen umgehen kann, doch für viele sei die Belastungsgrenze erreicht. Bei den Schafhirten hat der Herdenschutz zu einer Professionalisierung geführt: Heute führt oft nur noch Personal mit erfahrenen Hunden die Herden. Der Mehraufwand wird durch Herdenschutzbeiträge teilweise abgegolten.

Mehr Mutterkühe und mehr Wölfe: Warnhinweise bei einem Weidezaun. (Bild: Julian Reich)

Mal friedlich, mal furchteinflössend: Herdenschutzhunde sorgen für Sicherheit. (Bild: Archiv Somedia)
Auch auf den abgelegensten Alpen hält die Digitalisierung Einzug. Zwischen Arbeitserleichterung und dem Erhalt der Tradition verläuft dabei eine schmale Linie, sagt Küchler. Er sieht in Werkzeugen wie Drohnen eine grosse Chance: um weit entfernte Tränken zu kontrollieren oder vermisste Tiere mittels Wärmebildkamera zu suchen. Diskutiert werden sogar Pulsmesser für Schafe, die bei einem Wolfsangriff sofort Alarm in der Hütte schlagen könnten. Manche fürchteten deshalb um die «Seele» der Alpwirtschaft; für das Personal bedeute digitale Vernetzung aber vor allem Sicherheit, sagen Küchler und Helbling unisono. Eine gute Netzabdeckung ist zentral für Tiermeldungen, Wetterberichte und Notrufe bei Unfällen. Während beispielsweise in Sardinien Funklöcher normal sind, ist die Schweiz selbst in hohen Lagen meist hervorragend abgedeckt. Digitalisierung heisse hier nicht Netflix als Ablenkung, sondern ein notwendiges Arbeitswerkzeug, so Küchler. Das Grundwesen der Arbeit aber bleibt körperlich und wetterabhängig – das ersetzt keine Technik. Sie bietet lediglich ein Sicherheitsnetz in einer rauen Umgebung.
Ein markanter Unterschied zu Österreich liegt im Grad der touristischen Nutzung und in der Agrarpolitik, sagt Helbling. In Österreich sind viele Alpen mangels staatlicher Sömmerungsbeiträge stark auf Gastronomie und Tourismus angewiesen, um wirtschaftlich zu überleben. In Graubünden dagegen gibt es viele Alpen, die sich auf die Alpwirtschaft konzentrieren können. Das macht das Arbeiten in der Schweiz oft attraktiver. Der Fokus liegt stärker auf den Tieren. Zudem hat der Kanton über Jahrzehnte in Infrastruktur wie Zufahrten und Wasserversorgung investiert – im Vergleich zu Nachbarkantonen und dem Ausland oft vorbildlich, sagt Küchler. Die bündnerische Kultur sei dabei eher pragmatisch und unterstützend geprägt. Diese Investitionen ermöglichen eine effiziente Bewirtschaftung auch in schwierigem Gelände.

Mangelware Personal: Sennerinnen beim Käsen. (Bild: Olivia Aebli-Item)
Ein dichtes Netz von Genossenschaften prägt die Bündner Alpwirtschaft, deren Wurzeln oft weit zurückreichen, erklärt Küchler. In den meisten Fällen gehören Land und Gebäude der Gemeinde, die sie an eine Alpgenossenschaft verpachtet. Dieser Genossenschaftsgedanke soll sichern, dass das Alpgebiet für alle Bauern der Gemeinde nutzbar bleibt. Es gibt aber auch private Alpgenossenschaften, bei denen Anteile vererbt oder verkauft werden können. Deshalb besitzen heute teils auch Nicht-Landwirte Anteile an Alpen. Jede Genossenschaft folgt eigenen Statuten, was zu einem komplexen rechtlichen «Flickenteppich» führt. Trotz dieser Komplexität sorgt das System für eine stabile Bewirtschaftung der enormen Flächen. Kanton und Institutionen wie der Plantahof unterstützen diese Strukturen durch Beratung und finanzielle Förderung. So bleibt die Alpwirtschaft ein tragendes Element der bündnerischen Landwirtschaft und Kultur.
2025 sömmerten Bündner Betriebe insgesamt 73 124 Rinder auf Alpen und Allmenden, wie die Erhebung des Amts für Landwirtschaft und Geoinformation Graubünden zeigt. Davon waren 13 519 Milchkühe und 16 203 Mutter- und Ammenkühe. Dazu kamen 49 562 Schafe, die grösste Tiergruppe nach dem Rindvieh. Die 108 Sennalpen im Kanton produzierten 2023 zusammen 558 Tonnen Alpkäse.
Autor Julian Reich ist Redaktionsleiter der «Terra Grischuna». julian.reich@somedia.ch