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Die zeitgenössischen Nachrufe auf Hortensia von Salis (1659–1715) überschlagen sich in Lobeshymnen. Sie wird gefeiert als: «Dess Edlen Hauses Glantz / dess Vaterlandes Ruhm / Dess Frauenzimmers Preiss / der Kirche schönste Blum / Ein Dam von schönster Zierd / recht edel vom Geblüt / Vortrefflich von Verstand / von hohem Geist und Gmüth / Mit aller Wissenschaft / zum Wunder unser Zeit / Erfüllet und berühmt bey Gelehrten weit und breit.»

Bis heute hat man ihr zahlreiche Titel verliehen: «neuzeitliche Göttin der Weisheit», «erste Schweizer Publizistin», «Ärztin», «Feministin». Manche Zuschreibungen und Geschichten gehören ins Reich der Mythen, doch unbestritten bleibt: Hortensia von Salis war eine aussergewöhnliche Frau, deren Persönlichkeit und Werk bis heute faszinieren.
Dieser Umstand führte im 20. Jahrhundert zu zahlreichen Publikationen über sie. Diese basieren weitgehend auf demselben Wissensstand. Das veranlasste Maya Widmer, Germanistin mit Schwerpunkt Literatur von Frauen im 17. und 18. Jahrhundert, und Kaspar von Greyerz, Historiker der Frühen Neuzeit und emeritierter Professor der Universität Basel, dazu, die bisher bekannten Quellen durch Recherchen substanziell zu erweitern. Die Ergebnisse liegen nun in Buchform vor. Bei den neuen Quellen handelt es sich vor allem um unbeachtet gebliebene Korrespondenzen.

Neue Perspektiven

Durch die Analyse der überlieferten Briefwechsel gewinnt das Autorenpaar neue, aufschlussreiche Perspektiven. Sie zeichnen nicht nur ein faktenbasiertes Bild von Hortensia von Salis, sondern eröffnen auch den Blick auf bislang kaum bekannte Aspekte ihres Lebens – etwa ihre St. Galler Freundschaften mit Cleophea Schobiger und deren Tochter Cleophea Barbara Schlumpf, ihr Engagement im sogenannten Wartauerhandel Mitte der 1690er-Jahre, der sich beinahe zum konfessionellen Bürgerkrieg hochschaukelte, oder ihre Verbindung zur englischen Society for Promoting Christian Knowledge und zu Queen Anne (reg. 1702–1714).

Leider wurden viele Dokumente vernichtet. Das Buch versteht sich folglich mehr als fragmentarisches Lebensbild denn als lückenlose Biografie. Es zeigt, in welches weitverzweigte Netzwerk von Kontakten die Gelehrte im 17. Jahrhundert eingebettet war – und wie dieses ihr Wirken prägte. Das Buch eröffnet mit einer Kurzbiografie. Daraus erfahren wir, dass Hortensia von Salis 1659 als erstes Kind von Ursula von Salis-Maienfeld, geborene von Salis, und Gubert von Salis-Maienfeld in Chur zur Welt kam. Sie entstammte damit einer der einflussreichsten und wohlhabendsten Familien der Drei Bünde.

1682 heiratete sie von Salis Rudolf Gugelberg von Moos, der mit einem eigenen Regiment in französischen Diensten stand und daher häufig abwesend war. Nach seinem Tod im Jahr 1692 blieb sie unverheiratet. In den folgenden Jahren trat sie schriftstellerisch hervor, pflegte Kranke, bildete sich in medizinischen und naturwissenschaftlichen Fragen weiter und erwarb sich rasch den Ruf einer aussergewöhnlich gelehrten Frau. Sie stand in regem Austausch mit angesehenen Theologen, Medizinern und Naturforschern ihrer Zeit. Zugleich mischte sie sich aktiv in die konfessionellen Auseinandersetzungen ein und betonte dabei mit bemerkenswerter Deutlichkeit das Recht von Frauen, sich in Glaubensfragen öffentlich zu äussern und am religiösen Diskurs teilzunehmen.

Porträt von Rudolf Gugelberg von Moos (1659–1692), Hauptmann in französischen Diensten. (Bild: zVg)
Porträt von Rudolf Gugelberg von Moos (1659–1692), Hauptmann in französischen Diensten. (Bild: zVg)

Lebendiges Bild

Dem Autorenpaar gelingt trotz des wissenschaftlichen, mitunter trockenen Tons, ein lebendiges und detailreiches Bild der Zeit zu zeichnen. Geschickt ordnen sie das Wirken Hortensia von Salis’ in die grossen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ein. So spannen sie den Bogen von König Ludwig XIV (1638–1715) und seinen grossen Kriegen zu den bündnerischen Soldunternehmungen, zeigen anhand der Familiengeschichte die Bedeutung von sozialem Stand und Adel und lassen uns durch den Briefwechsel zwischen Hortensia und dem Zürcher Arzt und Physiker Johann Jakob Scheuchzer am damaligen Verständnis von Welt und Wissenschaft teilhaben.

Sie nehmen uns mit ins Bad Pfäfers, einem wichtigen Ort der Begegnung und des Austauschs, und bereichern die Darstellung mit zahlreichen Zitaten, Briefauszügen und Bildern. Dadurch entsteht ein facettenreiches Panorama, das sowohl informiert als auch anschaulich unterhält.

Mit der sorgfältigen Erschliessung neuer Quellen und der Einordnung in die politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Kontexte des 17. Jahrhunderts legt das Autorenpaar ein Werk vor, das Hortensia von Salis aus der verklärenden Sphäre der Mythen zurück in die historische Wirklichkeit holt – ohne ihrer ausserordentlichen Wirkungskraft etwas zu nehmen. Das Buch bietet sowohl für die Forschung als auch für historisch interessierte Leserinnen und Leser einen äusserst wertvollen Beitrag zu einer vielseitigen Gelehrten der Frühen Neuzeit.

 

Weitere Infos

Mya Widmer, Kaspar von Greyerz: Hortensia von Salis. Ein Lebensbild aus dem 17. Jahrhundert. Verlag Hier und Jetzt, 2026, 272 Seiten, CHF 44.–