San Bernardino
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Die Wanderung beginnt in San Bernardino, einem Ort im Aufbruch. Die touristische Revitalisierung ist in vollem Gange. Zwischen dem Klirren von Werkzeugen und dem Rattern einer Maschine höre ich ein knappes «Ciao», bevor der Baulärm es verschluckt. Hinter den letzten Häusern erreiche ich den Wald und es wird still. Ich folge dem Kiesweg durch einen Fichtenwald, der sich bald schon lichtet. Der Weg wird schmaler und steiniger. Lärchen ersetzen die Fichten. Bereits bietet sich ein Blick auf die umliegenden Hänge. Ein Helikopter trägt seine Fracht ins Tal. Sein Dröhnen hängt noch lange über dem Dorf.
Weiter geht es über Wiesen, vorbei an mächtigen Felsbrocken. Die Natur ist noch in einem Zwischenstadium. Die Lärchen tragen zu ihren gelben Hüten noch immer ihre grünen Sommerröcke. Vogelstimmen lassen mich innehalten und zum Feldstecher greifen. Tannenmeisen, Weidenmeisen, Haubenmeisen sind geschäftig unterwegs. Ein Gimpel lässt seinen langgezogenen, melancholischen Ton über die Wipfel ziehen. Heckenbraunellen huschen ins Gebüsch. Noch immer ist das Dorf sichtbar und erinnert daran, dass ein Stück Weg vor mir liegt. Genauer gesagt 3,5 Stunden bis Hinterrhein, wo mich das Postauto hoffentlich erwartet.
Ich folge einem Wiesenpfad durch offenes Gelände. Alpen-Wacholder bedeckt die Felsen. Nachdem ich den Weg hinaufgestiegen bin, tauche ich langsam in den dichten Legföhrenwald ein. Hier fühlt sich eine Vielzahl von Vögeln wohl: Gebirgsstelzen, Stieglitze, Fichtenkreuzschnäbel und Scharen von Zeisigen.
Doch nicht nur der Blick in die Lüfte lohnt. Meine Füsse betreten den alten Saumpfad, der einst Händler, Pilger und Armeen über den Alpenhauptkamm führte. Deutlich zu erkennen sind zwei Arten von Saumwegpflasterung: hier flach, dort aufrecht verlegte Steinplatten. Diese Spuren mittelalterlicher Pflastertechnik werden mir auf meiner Route immer wieder begegnen.
Schauriges Moor und Farbenpracht
Der Boden entlang des Wanderwegs wird zunehmend feucht. Bald erreiche ich die ersten Flach- und Hochmoore. Zwischendurch führen Holzstege über den morastigen Boden. Ich erinnere mich an Droste-Hülshoffs berühmte Zeile: «O schaurig ist’s übers Moor zu gehen.» Nebel und Dämmerung könnten hier tatsächlich eine gespenstische Atmosphäre schaffen – wenn es «unter den Sohlen pfeift, das Moor birst und ein Seufzer aus der klaffenden Höhle hervorgeht».
Heute jedoch vertreibt die Sonne alle Geister. Kräftige Herbstfarben von Gräsern, Binsen und Zwergsträuchern leuchten vor den schneebedeckten Gipfeln und ergeben ein prächtiges Bild.
Weiter oben dünnt die Vegetation aus, wird kleinwüchsig. Die Kiefern treten zurück, das Gelände öffnet sich. Das Gras duckt sich flach an den Boden. Felsen treten hervor, gefaltet, geschichtet, als hätte sie jemand zusammengeschoben. Die ausgeprägte Schieferung erzählt von der Kraft der Gletschererosion. Auf dem nackten Stein gedeihen verschiedenartige Krustenflechten – eine Symbiose zwischen Alge und Pilz –, die den Stein mit filigranen Mustern überziehen, wie Kunstwerke.
Kleine Bäche durchkreuzen den Weg, glitzern zwischen den Steinen, und in den Mulden liegen dunkle Seen – ihr Wasser fast schwarz vom Torf.
Ich bin allein hier oben. Kein Mensch begegnet mir, nur einmal höre ich ein Pfeifen, dann eine Stimme – jemand ruft seinen Hund. Dann ist es wieder still. Nichts deutet darauf hin, dass im Tunnel unter mir Verkehr durch den Berg rauscht.
Weisse Wollgräser bilden helle Farbtupfer in der Landschaft. Rote grasähnliche Binsen schwanken im dunklen Wasser. Wolken treiben tief über die Hügel, manchmal reisst der Himmel kurz auf und zeigt einen blassen Streifen Blau.
Bald erreiche ich den höchsten Punkt meiner Wanderung. Links zweigt ein Pfad zum Ospizio und zum Laghetto Moesola ab, doch ich bleibe auf dem offiziellen Walserweg. Dieser schlängelt sich zwischen den vom Gletscher geschliffenen Felsen hindurch. Um dennoch einen Blick auf den Laghetto zu erhaschen, klettere ich auf einen Felsen und lasse meinen Blick schweifen. Vor mir breitet sich eine Landschaft aus, die an Wellen erinnert – Wellen aus Stein, erstarrt in der Zeit. Genau so hat es Johannes Ebel (1764–1830), Autor des ersten grossen Schweizer Reiseführers, beschrieben: «Kleine Hügel, deren Ganzes den Wellen eines erfrorenen Meeres ähnelt.»
In sanftem Auf und Ab zieht sich der Weg über Hügel und vorbei an stillen Flachmooren. Dann durchbricht Technik unvermittelt die Natur: Mitten in der Landschaft erscheinen die Lüftungsschächte des Tunnels – ein weisser Turm, flankiert von einem runden Bau. Ein Anblick, der an futuristische Architektur erinnert – Science-Fiction im Hochgebirge. Kurz darauf taucht auch die Kantonsstrasse auf: willkommen zurück in der Zivilisation. Über lange Strecken folgt die Route nun der Strasse – mal unmittelbar daneben, mal höher, über Weiden und zerklüftete Felspartien.
Die Vegetation verändert allmählich ihr Aussehen. Kriechende Zwergsträucher zeigen sich nur noch an felsigen, vom Wind gezeichneten Standorten. Alpine Wiesen und Weiden breiten sich zunehmend aus. Auf einer davon liegt die Tällialp, wo im Sommer frische Alpprodukte erhältlich sind und eine Postautohaltestelle bedient wird.
Links des Wanderwegs fällt der Blick – und das Ohr – auf den einzigen noch in Betrieb stehenden Steinbruch, dessen Geräusche die Stille der Berge durchbrechen.
Ab Dürrenbüel windet sich die Passstrasse in 16 Kehren bis zum Talboden hinunter, jede mit einem eigenen Namen, der auf einer Tafel vermerkt ist. Der Wanderweg zweigt jedoch rechts ab und löst sich von der Strasse. Linkerhand öffnet sich eine beeindruckende Aussicht auf die Adulaalpen, wo die Quellen des Hinterrheins entspringen.
Ein tiefes Brummen trübt die Ruhe dieses Ortes: Westlich von Hinterrhein liegt der Panzerschiessplatz der Schweizer Armee. Heute hallt das Gedröhne der Panzerübungen über die Hänge. Deswegen marschiere ich zügig weiter. Tannen, Farn und Sträucher mit leuchtend roten Beeren säumen meinen Weg, während sich der Pfad steil Richtung Hinterrhein hinabzieht.
Unten, wo die Strasse den Fluss kreuzt, kehrt der Verkehr zurück – ein tiefes gleichmässiges Rauschen. Es erinnert daran, dass der Pass nicht nur Natur ist. Er ist ein Korridor, eine Schnittstelle, eine Grenze und Verbindung zwischen Sprachen, Kulturen, Nationalitäten, Naturräumen und Flussläufen.
Auf den noch sichtbaren Spuren des ehemaligen Saumpfads gelange ich zu einer imposanten Steinbrücke, welche den Hinterrhein mit zwei Bogen überspannt: die alte Landbrugg. Ursprünglich diente die aus dem 17. Jahrhundert stammende Brücke der alten Saumstrasse über den Pass als Flussübergang. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie mehrfach beschädigt und wieder aufgebaut. Die Spuren der Reparaturen sind unter anderem an den Betonelementen unterhalb des Brückenbogens erkennbar.
Über die abgerundeten Steine des gepflasterten Brückenbodens gelange ich auf die andere Flussseite.
Noch ein paar Meter den Hang hinauf und ich erreiche das Dorf. An der Bushaltestelle trottet ein grauer Hund auf mich zu, als hätte er mich erwartet.
Hinterrhein ist ein historisches Säumerdorf. Es lohnt sich, eine Rast einzulegen und die Zeit zu nutzen, den alten, gut erhaltenen Dorfkern zu bestaunen, während man auf das Postauto wartet.
Nach der letzten Eiszeit verlandeten Gletscherbecken über lange Zeiträume. In Senken blieb Schmelzwasser stehen, es entstanden flache Seen. Diese füllten sich in Wärmephasen mit Pflanzenmaterial, das unter Sauerstoffmangel nicht vollständig zersetzt wurde – Torf entstand. Ein langsamer Prozess: Für eine Torfschicht von einem Meter braucht es rund 1000 Jahre.
Flachmoore entstehen durch hohen Grundwasserspiegel und dauerhaft nassen Boden. Lagern sich Pflanzenreste über lange Zeit ab, kann daraus ein Hochmoor werden. Hochmoore haben keinen Kontakt zum Grundwasser – ihre oberste Schicht wird nur durch Regenwasser gespeist.
In den letzten 200 Jahren verschwanden rund 90 % der Schweizer Moore. 1987 stimmte das Volk für die «Moor-Initiative», seither ist der Schutz in der Bundesverfassung verankert.
Warum Moore wichtig sind
Hochwasserschutz: Hochmoore wirken wie Schwämme, speichern Regenwasser und verhindern Überschwemmungen.
Artenschutz: Viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten sind auf Moore angewiesen.
Klimaschutz: Moore speichern enorme Mengen Kohlenstoff– doppelt so viel wie alle Wälder zusammen. Werden sie entwässert, entweichen CO² und Lachgas (N²O), das 300-mal klimaschädlicher ist.
Erholung: Moore sind wertvolle Naturräume und laden zum Beobachten seltener Arten ein.
Auf 2065 Metern Höhe verbindet der Pass zwei Kulturräume und zählt zu den historischen Übergängen der Alpen. Er wird erstmals im Jahr 941 schriftlich erwähnt, doch Funde bei Mesocco südlich des Passes belegen eine Nutzung bereits in der Mittel- und Jungsteinzeit.
Ab dem 13. Jahrhundert entwickelte sich der San-Bernardino-Pass zur wichtigen Alternativroute zum stark frequentierten Gotthard. Er war Teil eines europäischen Handelsnetzes, über das Salz, Wein, Stoffe, Getreide und Metallwaren transportiert wurden.
Seinen Namen verdankt der Pass dem heiligen Bernhardin von Siena, einem italienischen Franziskanermönch und bekannten Prediger. Mit seiner Verehrung entstand die Idee, Reisenden auf der Passhöhe spirituelle und praktische Unterstützung zu bieten. 1451 wird erstmals ein Hospiz urkundlich erwähnt.
Zwischen 1818 und 1823 entstand die erste durchgehend befahrbare Strasse für Frachtwagen und Kutschen – basierend auf dem Wegverlauf von 1770. 1967 wurde der 6,6 Kilometer lange Tunnel unter dem Pass eröffnet, der den ganzjährigen Durchgangsverkehr ermöglicht.
Isabelle Brügger ist Autorin und Sozialarbeiterin.