Auf den Spuren eines Bündner Malers – im Gespräch mit Reto Cavigelli

Cavigelli

Ein abstraktes Porträt von Cavigelli.

Städtische und ländliche Inspiration eines Künstlers aus der Surselva
Er ist ein ruhiger, unaufgeregter Künstler, der stets seine Arbeit hinterfragt und bisweilen über Jahre neu bearbeitet. Aufgewachsen in Siat in der Surselva arbeitet er nun in Zürich und Ftan. Und seine Bilder haben nun auch regierungsrätliche Anerkennung gewonnen, hängen sie doch im Büro des Autors.
Text 
Monika Gartmann / Christian Rathgeb
Bilder 
Christoph Müller

Reto Cavigelli ist einer der bekanntesten Bündner Künstler. Sein Name ist spätestens, seit er Anfang der Achtzigerjahre der Churer Gruppe «Aqua Sana» angehörte und etwa mit Thomas Zindel und Gaudenz Signorell zusammen ausstellte, ein Begriff; er ist ein Maler, den hierzulande jeder kennt. Nur wenige dürfen sich über den Besitz eines Bildes erfreuen. Leza Dosch bezeichnete den Künstler jüngst im Bündner Monatsblatt (3/2017) als «Geheimtipp» und legte dar, dass es gar nicht ein so einfaches Unterfangen sei, vom zurückgezogen lebenden Künstler ein Bild zu erwerben. Dies hat seine Gründe.
 

Ateliers in Zürich und Ftan

Seit bald zwei Jahrzehnten lebt Reto Cavigelli zusammen mit seiner Partnerin Elisanna Nuotclà in Zürich. Ihre Freizeit verbringen sie häufig in Ftan im Elternhaus von Elisanna. In Zürich hat der Künstler im kleinen historischen Haus an der Heinrichstrasse im Parterre und im Keller Ateliers eingerichtet. Eine weitere Malmöglichkeit hat er sich im alten Gewölbekeller des stattlichen Engadiner Hauses in Ftan geschaffen. Ferien kennt der heute 73-jährige Maler nicht. Er steht täglich vor der Leinwand, nicht um Bilder für den Verkauf zu produzieren, sondern aus innerem Antrieb. 

Die Arbeit an den zwei Standorten in Zürich und in Ftan inspirieren den Künstler vom Licht her unterschiedlich. Er spricht zudem von einer städ­tischen und einer ländlichen Inspi­ration, die unbewusst erfolge. Reto Cavigelli ist auf dem Land aufgewachsen. Die ländliche Kleinräumigkeit in der Surselva liess es ihm allerdings nicht zu, dass er sich der Malerei widmen konnte. Er fühlte sich nicht frei, malerisch zu arbeiten. Erst in Chur im städtischen Umfeld waren seine Gedanken frei genug, um sich der Malerei zu widmen. Heute sucht der Maler in seinen Erinnerungen wieder das ländliche Umfeld und vertieft sich darin in seinen Bildern. Dies zeigt sich etwa in aktuellen Werken, die von Ställen im abgelegenen vereinsamten Raum geprägt sind. 

Cvigelli

Reto Cavigelli in seinem Zürcher Atelier.

​ Prägende Kindheit in Siat

Der Grund für seine drei Ateliers, wo Cavigelli gleichzeitig über Jahre hinweg an denselben Bildern malt, liegt in seiner prägenden Kindheit. Auch als Kind hatte Cavigelli stets mehrere Spielecken, die sich der Junge ausserhalb des Heimatdorfes Siat einrichtete. Dort vertiefte und verweilte er sich, was immer wieder dazu führte, dass er zu spät zur Schule oder nach Hause kam. Das gab mit Eltern, Lehrern und Pfarrer Probleme, doch die Freiräume liess er sich trotz Schlägen und weiteren Sanktionen nie nehmen. In seinen Erinnerungen war es auch so, dass er viel länger spielte als Gleichaltrige. Die intimen Freiräume waren für den jungen Siater überlebenswichtig. Gleich ist es heute mit seinen Ateliers, die seine intimen Freiräume bilden. Ein grosszügiges Atelier mit Blick über die Stadt Zürich, das er Anfang Jahrtausend bezogen hatte, verliess der Maler wieder unverrichteter Dinge, da er sich darin völlig verloren fühlte. 

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land haben sich für Cavigelli mittlerweile verwischt. Die Veränderungen der Gesellschaft hätten die Unterschiede vernichtet. Das zeige sich nicht nur an den Kleidern, sondern auch am Lebensstil. Der Künstler selbst, im Gegensatz zu seiner Partnerin, vermag denn auch keine Unterschiede zwischen seinen Bildern aus dem städtischen Atelier einerseits oder jenem im ländlich bäuerlichen Unterengadin andererseits zu erkennen.

​Zu Beginn steht die Schönheit der weissen Leinwand

Für Reto Cavigelli ist eine weisse Leinwand etwas Ästhetisches respektive etwas Schönes, das Respekt verleiht. Sie kann in ihm aber auch eine Aggression auslösen, die er dann mit Farben zerstört, indem er einmal – aus dem Un­terbewusstsein gesteuert – etwas «hinschmeisst» und so mit dem Malen beginnt. Das Belassen der weissen Leinwand wäre gleichzusetzen mit Stehenbleiben – Stehenbleiben beim Schönen, was für den Künstler nicht infrage kommt. Er fasst immer wieder neu den Mut, das Schöne zu zerstören, damit etwas völlig Neues entstehen kann. Im Gegensatz zu vielen Malern, denen der Beginn eines neuen Bildes Mühe bereitet, ist dies für Reto Cavigelli die kleinste Hürde. Er fokussiert sich auf das, was entsteht und worin er sich vertiefen kann.

Cavigelli

Reto Cavigelli mit seiner Lebenspartnerin in Ftan.

Mühe mit Ungerechtigkeiten, einst und heute

Reto Cavigelli ist ein feinfühliger Mensch. Sein Sensorium hat er in seiner Kindheit entwickelt und es prägte ihn später auch im Umgang mit Kunstkritikern und Galeristen. Wurde ein Mitschüler in seiner Klasse vom Lehrer oder Pfarrer geplagt oder ungerecht behandelt, wehrte er sich. Dafür musste er viel in Kauf nehmen, denn der Mut für sein Rebellieren wurden nicht goutiert. Oft musste er deswegen Nachsitzen, seitenweise abschreiben oder andere Strafen erdulden. Gleich ging es ihm später mit Kunstsachverständigen. Anbiedern war für ihn ausgeschlossen. So nahm er kurzerhand seine Bilder aus Ausstellungen zurück, gewährte keine Interviews oder empfing Kunstkritiker nicht, wenn er unkorrektes Verhalten ortete. Dass er dann von diesen Kreisen geschnitten wurde, kümmerte ihn nicht einen Deut, wie er glaubhaft darlegt. Für ihn – nicht für die vermeintlichen Autoritätspersonen – war die Sache allerdings jeweils nach seiner Intervention erledigt. Wie in seiner Kindheit, so später im Umgang mit Kunstkritikern, spielt sich für ihn immer wieder dasselbe Muster im Umgang mit ungerechten Situationen ab. Sein Verhalten habe, so Cavigelli, auch etwas mit ihm als Revoluzzer zu tun.

​Auf der Suche nach der Wärme

Die dunklen Seiten seiner Kindheit und ebenso die heutige gesellschaftliche Härte widerspiegeln sich in Cavigellis Bildern. Der Künstler sucht in seiner Malerei immer wieder die Wärme. Nach mehr als drei Jahrzehnten der aktiven Malerei kommt diese Wärme sukzessive in seine Bilder, weil er sich dies bewusst machen konnte. Doch ist es so, dass Cavigelli diese Farben immer wieder zerstört. Er sei dauernd auf der Suche. Er liebe warme Farben, doch sei es nicht einfach für ihn, sich diesen zu nähern. Auch hier weist Cavigelli auf die Parallelen zu seiner Kindheit hin, wo er auf der Suche nach dieser Wärme war. 

Eine Zeit lang dachte der Siater Künstler, er könnte die noch in den Dörfern vorhandenen Misthaufen malen, die sichtbar Wärme ausstrahlten. Es zog ihn regelrecht zu diesen hin. Es blieb jedoch bei diesem Gedanken und er nahm dies nicht in Angriff. Er kam zum Schluss, dass die Wärme von innen heraus kommen müsse, nicht über ein Objekt. Es war immer eine Spannung zwischen Aggression und Kälte, wenn er sich früher in seine Bilder vertieft hatte. Lange brauchte Cavigelli, bis er Gelb, als Symbol für Licht, ak­zeptieren konnte. Benutzte er diese Farbe, zerstörte er sie umgehend wieder, konnte er doch nichts damit anfangen. Heute glaubt er, dass dies mit seinen Depressionen zu tun haben musste. Rückblickend war es ein langer innerer Kampf, bis er die Farbe Gelb mit seiner Wärme akzeptieren konnte. Der Künstler bemerkt dazu umgehend, dass auch die Farbe Schwarz Gelb beinhalte. Schwarz sei nicht unbedingt düster für ihn. 

Cavigelli

Reto Cavigelli in seinem Atelier in Zürich.

​Wenige Bilder in den Galerien

Nicht nur, dass Reto Cavigelli meist jahrelang an seinen Bildern malt, immer wieder neue Schichten aus Öl­farben ergänzt, Farben und Ausdruck ändert, und so nur wenige Bilder fertigt, auch andere Gründe führen dazu, dass es nur wenige Cavigellis im Umlauf gibt. Bilder seiner Anfangsphase hatte er in mehreren Aktionen vollends zerstört, da er kaum mehr atmen konnte. Dies war in seinen Augen eine regelrechte Selbstzerstörung, die mit Suizidgedanken einher ging. Es war ein harter Kampf, bis diese Gedanken überwunden waren, und ein steini­ger Weg, den er selbst gehen musste. Heute hat er dies geschafft. Kommt hinzu, dass Cavigelli der kommerzielle Verkauf überhaupt nicht interessiert. Einer der wenigen Galeristen in Graubünden, der es seit Jahrzehnten schafft, immer wieder Bilder des Bündner Künstlers auszustellen, ist in verdankenswerter Weise Luciano Fasciati, dessen letzte Ausstellung im Herbst 2017 in Chur ein grosser Erfolg war. Diese war es denn auch, welche die Autoren in den Bann der Kunst von Reto Cavigelli gezogen hat.

Weitere Infos

Autor
Christian Rathgeb ist Regierungsrat des Kantons Graubünden, Monika Gartmann ist seine Lebenspartnerin. Sie leben in Chur.
Christian.Rathgeb@mail.ch.

Fotograf
Christoph Müller war während Jahren Mitarbeiter und Redaktionsleiter beim Schweizer Fernsehen SRF. Er lebt in Zürich.
christoph.mueller@magic-moments.ch

Online
www.luciano-fasciati.ch