Heimweh – Fernweh
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Detailansicht des Lehrgerüsts des Langwieser Viadukts.
Es ist ein erstaunliches Bild: Ein Lieferwagen kriecht um die letzte Kurve und parkiert rückwärts vor dem Eingang zum ehemaligen Schulhaus von Langwies, dem heutigen Kulturhuus Schanfigg. Auf dem Wagen prangt gross die Aufschrift «Verkehrshaus Luzern». Gespannt verfolgt Carla Gabrí, Leiterin der Fachstelle Kulturtourismus Arosa, die Parkkünste des Mitarbeitenden aus Luzern. Als die Türen aufgehen, steht es da – sorgsam geschützt gegen allfällige Schäden auf der Fahrt: das Modell des Lehrgerüsts des Langwieser Viadukts. Beeindruckend gross ist es. Carla Gabrí ist erleichtert. Das Modell hat die Reise unbeschadet überstanden. Von diesem Tag an können Besuchende des Museums und des Kulturhuus es bestaunen. Die Idee, es nach Langwies zu holen, lag schon länger auf dem Tisch. An diesem Tag Mitte August wird sie Realität.

Mitarbeitende des Verkehrshauses Luzern platzieren das Modell im Kulturhuus Schanfigg.
«Als ich vor viereinhalb Jahren die Stelle übernahm, hörte ich von der Idee mit dem Lehrgerüst-Modell», erzählt Carla Gabrí. Sie umzusetzen sei nicht so einfach gewesen. Das hätten bereits erste Abklärungen mit dem Verkehrshaus gezeigt. «Mein Gefühl sagte mir damals, dass aus diesem Projekt etwas Grösseres werden könnte, vielleicht mit einem permanenten Museum», erklärt sie. Ihr schwebte ein modular aufgebautes, ortsspezifisches Museum vor. «Wir dachten an verschiedene Räumlichkeiten mit unterschiedlichen kuratorischen Schwerpunkten, die mit der Geschichte des Viadukts zusammenhängen. Und wir überlegten, wie die Räume im ehemaligen Schulhaus umzubauen wären, um das Modell auszustellen», sagt die Fachstellenleiterin. Damals bespielte der Verein Kulturhuus Schanfigg das Schulhaus bereits mit einem Veranstaltungsprogramm und ein bis zwei Ausstellungen pro Jahr.

Die Leiterin der Fachstelle Kulturtourismus Arosa, Carla Gabrí, ist massgeblich am Aufbau des Museums Langwies beteiligt.
Als Nächstes folgte eine erste Projektierung für das Bahnhofsareal. «Viele der dortigen Räumlichkeiten werden nicht mehr aktiv genutzt, jede für sich ist aber mit dem Langwieser Viadukt verbunden», erklärt Carla Gabrí. «Wir haben fünf Stationen kreiert, die auf verschiedene Art und Weise die Geschichte des Viadukts zeigen.» Entstanden ist eine künstlerische Intervention im Warteraum, wo sich alles um die Zeit dreht und man seit 1914 auf den Zug wartet. Ins Stationsbüro darf man bloss einen Blick werfen, da das Steuerpult noch immer in Betrieb ist. Trotzdem gibt es viel zu entdecken: historische Objekte etwa oder eine Diashow mit Fotografien, die mehr über den Arbeitsalltag, die Passagiere und das Rollmaterial von damals erzählen. Oder man lauscht an einer Audiostation den Erzählungen eines ehemaligen Stationsvorstehers.
Im Schuppen neben dem Bahnhofsgebäude liegt der Fokus auf der Geschichte der Bahnlinie Chur–Arosa, dem Viadukt und den Menschen, die dieses Bauwerk errichtet haben. Im Magazin, einem weiteren Museumsraum, erinnert ein originales Regal an die einstige Ordnung des Bahnmaterials. Werkzeuge, Schrauben und besondere Exponate geben Einblick in den Streckenunterhalt. Fotografien von Einheimischen und Gästen sowie historische Filmaufnahmen ergänzen diesen Teil der Ausstellung. Der begehbare Gruppenpfeiler ist eine Station, die alle Sinne anspricht. Im dunklen Raum ist nichts zu sehen, stattdessen hört man den Zug über die Brücke rattern. Schliesslich wurde die Fassade des ehemaligen Gleichrichtergebäudes mit einer Negativform des Viadukts in Szene gesetzt.
«Hauptexponat ist immer der Viadukt», hält Carla Gabrí fest. Spannend sei aber, dass die Grenzen verwischt würden. Also: «Wo fängt das Museum an, und wo hört es auf?» Insofern sei der vorbeifahrende Zug genauso Teil der Inszenierung wie die Zugfahrt der Menschen, die das Museum besuchen. Zudem sei es konzeptionell so ausgerichtet, dass es die Geschichte auch im Scharnier zur Gegenwart denke. Es enthalte verschiedene Zeitgeschichten, die sich überlagerten. «Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie wir uns für die Zukunft aufstellen und was wir kulturtouristisch vermitteln möchten. Das Museum schlägt also eine Brücke vom Schanfigg zu den Gästen.» Und: «Das Museum ist eine Gesamtannäherung an den Viadukt, die seine Geschichte vielfältig erlebbar macht.» Massgebend ist für sie, «die Bedeutung, die der Ort hat, auf den Punkt zu bringen». Eröffnet wurde das Museum rechtzeitig zum 111-Jahr-Jubiläum des Viadukts. Inzwischen hätten sie viele positive Rückmeldungen erhalten, die Besucherzahlen seien erfreulich hoch. «Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»
Mit der Eröffnung war das erste Ziel erreicht. «Wir hatten nun ein Museum, wussten aber, dass damit erst ein Teil des gesamten Konzepts realisiert war», sagt Carla Gabrí. Ein zweiter Teil sollte im ehemaligen Schulhaus entstehen. Denn: «Die Gäste sollen nicht nur am Bahnhof verweilen. Zugunsten der Wertschöpfung möchten wir auch, dass sie durch das Dorf bis zum Schulhaus spazieren und dabei allenfalls den Dorfladen oder das Dorfrestaurant frequentieren.» Das Museum und das Dorf sollen also ans Kulturhuus am oberen Dorfrand angebunden werden.
Im Schulhaus wurde entsprechend umgebaut. Der Dachstock wurde komplett ausgeräumt. Ein flexibles Lichtkonzept und architektonische Eingriffe, die zum Museum passen, machen daraus einen Raum für temporäre Ausstellungen. «Wir wollten den Raum so erfahrbar machen, wie er gedacht war, und mit neuen Elementen zeigen, wie Geschichte und Gegenwart zusammenfinden», erklärt Carla Gabrí.

Im Dachstock des Kulturhuus Schanfigg blickt eine Ausstellung hinter die Kulissen des Miniaturmodellbaus.
In diesem Sommer ist nun die Sonderausstellung «miniature im detail» zu sehen, konzipiert von Carla Gabrí und Fabio Hendry, der auch den innenarchitektonischen Umbau verantwortet. Die Schau richtet den Blick hinter die Kulissen des Miniaturmodellbaus der Eisenbahn. «Im Fokus stehen Materialien und Details, die bei genauem Hinsehen aufzeigen, wo die Illusion des Abbildens brüchig wird», heisst es in einem Begleittext von Gianna Turra, der Assistentin von Carla Gabrí. Der Fotograf Benjamin Hofer zeigt in gross aufgezogenen Bildern Ausschnitte aus der Modelllandschaft von Bernhard Tarnutzer. Tarnutzer hat die Modellbahn-Werkstatt im Bahnmuseum Albula in Bergün gebaut, mit dem das Viadukt Museum zusammenarbeitet. «Die Ausstellung wirft einen Blick auf das Hobby des Modellbaus. Es geht aber auch um die Frage, wie man in Modelllandschaften Realitäten modelliert und welche Vorstellungen von diesen Realitäten», erläutert Carla Gabrí. Ergänzt werden die Fotografien durch Design-Objekte von Fabio Hendry und Carla Gabrí, die mit Modellbau-Materialien arbeiten. Ein Video lässt Besuchende in einer 1:1-Sicht mit dem Lokführer über die Modell-Bahnstrecke fahren. Die Fahrt durch die Miniaturlandschaft wirkt dabei so gross, dass sie echt sein könnte.

Der Aufbau des Modells bedingt millimetergenaue Arbeit.

Das Modell wird in einem der ehemaligen Schulzimmer im Kulturhuus aufgebaut.
Was in den vergangenen viereinhalb Jahren entstanden ist, hat schliesslich auch das Verkehrshaus Luzern überzeugt. In einem der ehemaligen Schulzimmer sind die Monteure nun daran, das Lehrgerüst-Modell des Langwieser Viadukts auf einem Sockel aufzubauen. Millimetergenau wird abgemessen, ausgerichtet und fixiert. Das ist auch nötig. Denn das Lehrgerüst bleibt als Dauerleihgabe – sehr zur Freude von Carla Gabrí und ihrem Team.
Leihgabe des Verkehrshauses Luzern
Dieses Modell im Massstab 1:25 erbaute Bartholome Capatt-Studer (1882–1967) für die Landesausstellung 1914 in Bern. Capatt war als Polier ein langjähriger Mitarbeiter Richard Corays; er hatte bereits am Gerüst des Wiesener Viadukts mitgearbeitet. Die Direktion der Landesausstellung ehrte die Bahngesellschaft Chur–Arosa und Richard Coray für ihre Arbeit mit einer Gold- und einer Silbermedaille.
Autorin Maya Höneisen ist regelmässige Mitarbeiterin der «Terra Grischuna». m.hoeneisen@wortmarkt.ch
Online www.viaduktmuseumlangwies.ch, www.bahnmuseum-albula.ch