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Kaffeepflanzung der Fazenda Ibicaba, dargestellt um 1850. Für einen Alqueire gepflückten Kaffee standen einem Kolonisten 830 Reis zu. Ausbezahlt wurden ihm 467. (Bild: Henrique Manzo, Museu Paulista da USP. Foto: José Rosael/Hélio Nobre, CC BY-SA 4.0)
Im 19. Jahrhundert war Graubünden kein Ort, in den man zog, sondern einer, den man verliess. Gemeinden bezahlten armen Familien die Reise nach Übersee, froh, sie loszuwerden. Was dort geschah, schrieb ein Lehrer aus Fanas auf.

Fazenda Ibicaba, 24. Dezember 1856. Mit «Keulen, Mistgabeln, Pistolen, Flinten und Stutzern bewaffnet» marschieren Dutzende Kolonisten auf das Landgut des Senators Nicolau Pereira de Campos Vergueiro zu, «alle in furchtbarer Wuth». Es geht ein Gerücht um: Thomas Davatz, ihr Lehrer und Vertrauensmann, solle totgeschossen werden. Davatz hat sich allein zur Verhandlung ins Herrenhaus begeben. Das Gespräch sei in wüstes Schimpfen ausgeartet, ja in Todesdrohungen. Heiss und feucht ist es an diesem Tag im brasilianischen Sommer. Keiner denkt an Weihnachten.

Hundert Schritte vor dem Herrenhaus kommt Davatz der aufgebrachten Meute entgegen, die Hände beschwichtigend erhoben – vielleicht, wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Er wird sie davon abhalten, die Fazenda zu zerstören. Ihre «Wuth» gilt dem Senator, dem «grossen, dicken, eisgrauen Mann», wie Davatz ihn später beschreibt. Seit die 85 Schweizer und Deutschen 1855 in Ibicaba angekommen sind, gärt die Wut unter ihnen. Nun soll sie sich entladen. Doch Davatz ist der Gedanke an eine Revolution «ganz verhasst». «Zuerst hatte ich nun sehr damit zu thun, die Leute von ihrem Vorhaben abzubringen und zum Stillstehen zu bewegen. Doch unter Gottes Beistand gelang es mir (…)». So schildert er es zwei Jahre später in einem 243 Seiten starken Buch, das er in Chur drucken lässt.

Kaffeepflanzung der Fazenda Ibicaba, dargestellt um 1850. Für einen Alqueire gepflückten Kaffee standen einem Kolonisten 830 Reis zu. Ausbezahlt wurden ihm 467. (Bild: Henrique Manzo, Museu Paulista da USP. Foto: José Rosael/Hélio Nobre, CC BY-SA 4.0)

Als Graubünden ein Auswanderungsland war

Aus diesem Buch wissen wir heute, was sich damals auf der Fazenda Ibicaba zugetragen hat, dreieinhalb Stunden Fussmarsch südlich der brasilianischen Stadt Limeira. Man kann seine Schilderungen kritisch lesen; allzu oft steht Davatz als unbestechlicher Ehrenmann da, der stets das Richtige tut. Und doch ist sein Buch das Zeugnis einer Zeit, in der Graubünden noch kein Ort war, wohin man zog, sondern einer, den man verliess. Die Gemeinden waren froh, wenn sie vielköpfige, armengenössige Familien nach Übersee loswurden.

Agenturen warben europäische Kolonisten an. Der Bedarf wuchs: 1845 hatte Grossbritannien mit dem Aberdeen Act seiner Marine erlaubt, brasilianische Sklavenschiffe aufzubringen und die Besatzungen als Piraten abzuurteilen. Das Gesetz bereitete den Weg für das Ende des transatlantischen Sklavenhandels. Den Grossgrundbesitzern brach der Nachschub an billigen Arbeitskräften weg – Europäer sollten ihn ersetzen.

Thomas Davatz um 1880. Nach seiner Rückkehr wurde er Posthalter in Landquart. (Bild: unbekannt, Sammlung Suíços do Brasil)

Thomas Davatz, 1815 geboren, war Lehrer in Fanas und träumte schon lange davon, auszuwandern. Erst sollte es Nordamerika sein, dann überzeugten ihn die geschönten Schilderungen der Auswanderungsagenten von Brasilien. Er warb sogar andere zur Mitreise an. Als Mitglied der Armenkommission brachte er seine Gemeinde dazu, mittellosen Bürgern das Reisegeld vorzuschiessen.

Aus seiner Heimatgemeinde machten sich 42 Personen reisefertig, dazu Familien aus dem ganzen Prättigau. Neun Personen waren in Davatz’ Gefolge, sechs davon waren seine Kinder. Im April 1855 schiffte sich die Gruppe in Hamburg ein; am 8. Juli 1855 kam sie nach beschwerlichem Marsch vom Hafen Santos herauf in Ibicaba an. Krank wurde fast jeder. Die Neuankömmlinge, geschwächt von der Reise und auf ungewohnte Kost gesetzt, seien «Uebeln ausgesetzt, welche oft mit dem Tod enden», schrieb Davatz – Schleimfieber und Wassersucht vor allem, dazu Durchfall, Juckreiz und geschwollene Füsse.

Kaffee gegen Schulden

Alle Kolonisten in Davatz’ Gefolge hatten einen Vertrag mit der Gesellschaft Vergueiro & Cia. unterzeichnet. Halbpacht nennt sich das Konzept, «parceria» auf Portugiesisch, und es klang fair. Der Kolonist bekam eine Anzahl Kaffeebäume zugeteilt, pflegte sie, pflückte sie ab. Was der Kaffee einbrachte, wurde geteilt: eine Hälfte dem Gutsherrn, eine Hälfte dem Kolonisten. Von seinem Anteil sollte der Kolonist die Reiseschuld abtragen. Drei Jahre, hatte das Werbebüchlein versprochen, dann sei er sie los.

Der Haken lag in der Umrechnung. Abliefern musste der Kolonist seinen Kaffee in Alqueires, einem Hohlmass von rund 40 Litern, die Bohnen noch in der Hülse. Bezahlt aber wurde er in Arrobas, einem Gewichtsmass von 32 Pfund gereinigter Bohnen. Wie viele Alqueires eine Arroba ergaben, entschied nicht die Waage, sondern die Firma. Davatz rechnete nach: Fast die Hälfte der Ernte ging für Gebühren und andere Abzüge weg, bevor überhaupt geteilt wurde. In Geld: 830 Reis hätten dem Kolonisten für einen Alqueire zugestanden. Er bekam 467.

Die Ausbeutung hatte System, und wer einmal drin war, kam nicht mehr heraus. Zwei Rechnungen liefen nebeneinander. Bei der Firma standen die Kolonisten für Überfahrt, Unterhalt, Hauszins und Arztgeld in der Kreide. Zusätzlich zog die Firma vom Kaffeeertrag die Raten für das Reisegeld ab, das die Heimatgemeinden vorgeschossen hatten.

Kaffeepflanzung der Fazenda Ibicaba, dargestellt um 1850. Für einen Alqueire gepflückten Kaffee standen einem Kolonisten 830 Reis zu. Ausbezahlt wurden ihm 467. (Bild: Henrique Manzo, Museu Paulista da USP. Foto: José Rosael/Hélio Nobre, CC BY-SA 4.0)

Die Folge: Die Schulden wuchsen schneller als die Kaffeepflanzen. Wer gehen wollte, musste laut Vertrag zuerst seine Schuld tilgen und ein Jahr im Voraus kündigen. Wer früher ging, zahlte 50 Milreis Strafe pro Kopf. Die Familien hafteten solidarisch füreinander, Kinder erbten die Schulden ihrer Eltern. Das Halbpachtsystem, wie Vergueiro es betrieb, grenzte an Schuldknechtschaft.

Die Zahlen legte die Direktion der Plantage selbst vor, Davatz notierte sie. Familien, die mit 68 Milreis Schulden angekommen waren, standen bald bei 403. Aus 183 waren 671 geworden, aus 748 nun 1383.

Briefe an der Zensur vorbei

Davatz schrieb einen Rapport über die Zustände für die Prättigauer Gemeinden. Doch er beging einen Fehler: Er gab ihn dem Schweizer Arzt der Fazenda, Dr. Gattiker, zur Durchsicht. Bald gelangte der Text zu Plantagendirektor Jonas, auch er ein Schweizer. Dass die Post der Kolonisten geöffnet wurde, wussten alle. Auch deshalb erreichten nur geschönte Briefe Europa. «Wenn wir die Wahrheit schreiben, so kommen die Briefe nicht ans Ziel», sagten die Emigranten einander.

Davatz’ Rapport kam nie im Prättigau an. Trotzdem schrieb er weiter. Diesmal schickte er die Briefe über einen Mittelsmann, der sie an der Zensur vorbeischmuggelte. Ein Brief ging an den Kleinen Rat von Graubünden, einer an die Prättigauer Gemeinden.

Die Kantonsregierung alarmierte Zürich und weitere Kantone, die Bürger nach Brasilien geschickt hatten. Sechs Kantone beauftragten schliesslich Jakob Christian Heusser, die Kolonien zu untersuchen (Heusser war der ältere Bruder der Schriftstellerin Johanna Spyri.)

Ein Gemälde zeigt die Kaffeeplantage des Gutsbetriebs Ibicaba um 1850, wo Schweizer Auswandererfamilien in Schuldknechtschaft gerieten. (Bild: Henrique Manzo, Museu Paulista da USP. Foto: José Rosael/Hélio Nobre, CC BY-SA 4.0)

Dass Heusser unterwegs nach Brasilien war, wusste Davatz nicht, als er am 24. Dezember vor den wütenden Kolonisten stand. Am 13. Februar 1857 traf Heusser in Ibicaba ein. Knapp vier Wochen lang untersuchte er die beiden Vergueiro-Kolonien Ibicaba und Angelica. Davatz’ Schilderungen bestätigten sich. Kaum einer entgehe der «Klimakrankheit», notierte Heusser: Abspannung, Müdigkeit und heftiges Jucken der Haut machten «die meisten, und gerade die stärksten Kolonisten das erste Jahr fast arbeitsunfähig»; viele Familienväter in den Vierzigern starben weg, daher die vielen Witwen und Waisen auf den Kolonien. «Zu der Klimakrankheit gesellt sich Heimweh», schrieb er. Für das Unglück der arbeitsunfähigen Kolonisten, Greise, Invalide, Blinde, machte Heusser zu einem grossen Teil «Agenten und Heimatgemeinden» verantwortlich. Ein Stück der Schuld fiel damit auf Davatz zurück: Er hatte selbst Auswanderer angeworben und in der Armenkommission gesessen.

Am 9. März unterschrieb José Vergueiro ein Abkommen mit 13 Punkten: Er zahlte unberechtigt verlangte Zinsen zurück, ebenso falsch berechnete Arztgelder. Er sorgte für genügend Pflanzland und garantierte Ladenpreise wie in der Stadt und einen Lehrer für die Kinder. Doch viele dieser Zugeständnisse waren keine – sie standen längst in den Verträgen.

Eine Bedingung stellte Vergueiro: Davatz müsse die Kolonie verlassen. Die Kolonisten wollten ihn nicht ziehen lassen. Davatz musste lange auf sie einreden, bis sie ihn schliesslich gehen liessen, mit Tränen in den Augen.

Für die Kolonisten wurde es vorerst nicht besser, eher schlechter. Frei kamen sie erst, als die Heimatgemeinden ihnen die Reiseschuld erliessen. Ein Besucher berichtete 1868, die meisten seien inzwischen Kleinbauern geworden, «zufrieden und in keiner Weise durch Vergueiro verfolgt oder belästigt».

Ein Posthalter in Landquart

Die Berichte von Davatz und Heusser aber wirkten. Ende 1857 richtete der Schweizer Bundespräsident eine Note an die kaiserliche Regierung Brasiliens und intervenierte damit auf höchster Ebene. Am 3. November 1859 verbot Preussen, für die Auswanderung nach Brasilien zu werben. Das Halbpachtsystem in São Paulo ging wenige Jahre später ein – es fanden sich keine Kolonisten mehr.

In der Schweiz kennt man die Geschichte, wenn überhaupt, aus einem Roman: Eveline Hasler erzählte sie 1985 in «Ibicaba. Das Paradies in den Köpfen» nach. Anders in Brasilien. Mário de Andrade, die Zentralfigur der brasilianischen Moderne, griff zwischen 1931 und 1933 in Zeitungsartikeln auf Davatz’ Buch zurück, um die Grossgrundbesitzer seiner eigenen Zeit anzugreifen. Er zählte es zu den 20 Büchern, die man kennen müsse, um Brasilien zu verstehen.

Davatz kehrte nach Graubünden zurück und wurde Posthalter in Landquart. Der Mann, dessen Briefe man in Brasilien aufgerissen hatte, verwaltete nun selbst eine Poststelle. Er starb 1888 mit 72 Jahren.

Der Überfahrtsvertrag der Familie Davatz vom Frühjahr 1855: von Basel über Hamburg nach Santos. Vermittelt hat ihn der Zürcher Agent Paravicini – den der Arzt der Fazenda später einen «rechten Seelenverkäufer» nannte. (Bild: Martin Thurnherr, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Weitere Infos

Weiterlesen

Primärquellen
Thomas Davatz: Die Behandlung der Kolonisten in der Provinz St. Paulo in Brasilien und deren Erhebung gegen ihre Bedrücker. Chur: Druck von Leonh. Hitz, 1858. 243 S. Volltext: de.wikisource.org
Thomas Davatz: Beschreibung einer Reise von der Tardisbrücke Kt. GR, Schweiz, bis nach Ybicaba, Provinz S. Paulo, Brasilien. Mit Vor- und Nachwort von Sylvester Davatz. In: Bündner Monatsblatt, Nr. 4/1997, S. 262–302.
Heusser: Die Schweizer auf den Kolonieen in St. Paulo in Brasilien. Bericht des Herrn Dr. Heusser an die Direktion der Polizei des Kantons Zürich. Zürich: Friedrich Schultheß, 1857. 105 S.

Literatur
Béatrice Ziegler: Schweizer statt Sklaven. Schweizerische Auswanderer in den Kaffee-Plantagen von São Paulo (1852–1866). (Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte, Bd. 29). Stuttgart: Steiner, 1985. ISBN 3-515-04174-5.
Béatrice Ziegler: Ausgebeutet im Paradies. Schweizerinnen und Schweizer als Arbeitskräfte auf brasilianischen Kaffeeplantagen 1852–1888. In: Eva Dietrich, Roman Rossfeld, Béatrice Ziegler (Hg.): Der Traum vom Glück. Baden: hier + jetzt, 2003, S. 41–58. ISBN 3-906419-61-4.
Jeroen Dewulf: Brasilien mit Brüchen. Schweizer unter dem Kreuz des Südens. Zürich: NZZ Libro, 2007.

Roman
Eveline Hasler: Ibicaba. Das Paradies in den Köpfen. Zürich: Nagel & Kimche, 1985. – Portugiesisch: Ibicaba. O paraíso em mente. Indaiatuba: Rumograf, 2007.

Autor Julian Reich ist Redaktionsleiter der «Terra Grischuna». julian.reich@somedia.ch