Heimweh – Fernweh
Entdecken Sie unsere jüngste Ausgabe zum Thema Heimweh – Fernweh



Der Schauspieler, der nicht lügen kann: Bruno Cathomas. (Bild: Tommy Hetzel)
Bruno Cathomas, wo erreiche ich Sie?
Ich bin gerade in Halle an der Saale, das ist in der Nähe von Leipzig. Hier haben wir familiär bedingt eine Ferienwohnung, in der ich öfters bin. Ich habe noch ein Zimmer in Berlin, und nächste Woche gehe ich zurück nach Wien, dort ist meine Hauptwohnung. Daneben bin ich beruflich viel unterwegs, letztes Wochenende beispielsweise in Köln.
Ein eher unstetes Leben also – wie oft sind Sie überhaupt an dem Ort, den Sie Zuhause nennen?
Unstet trifft es gut – ich bin neben den drei genannten Orten noch während etwa drei Monaten im Jahr in anderen Städten des deutschsprachigen Raums. Das ist eine Bedingung in meinem Beruf. Man muss sehr flexibel sein, man hat keine feste Bleibe. Und das als Bündner, der doch immer gedacht hat, er komme nie aus Laax raus – ich habe schon viele Jahre gebraucht, bis ich mich daran gewöhnt habe. Aber sonst hast du keine Chance, in dieser Branche zu überleben.
Seit der Spielzeit 2024/25 sind Sie festes Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater, dem prestigeträchtigsten Theater des deutschsprachigen Raums – wie kam es dazu?
Ich hatte das nie geplant. Direktor Stefan Bachmann, der ja auch Schweizer ist, hat mich quasi aus Deutschland mitgenommen, als er 2024 dort anfing. Mir hat es in Köln, wo ich vorher war, ganz gut gefallen. Ich wollte eigentlich in meinem Alter kein neues Land mehr kennenlernen. Aber wenn man an die «Burg» gerufen wird, sagt man nicht Nein.
Dabei begann Ihre Laufbahn woanders – bei der Ems-Chemie.
Ich habe Schlosser gelernt. Erst danach konnte ich in meiner Familie durchsetzen, dass ich an die Schauspielakademie in Zürich durfte. Ab da bewegte sich mein Leben in eine neue Richtung. Das hat alles umgekrempelt.
Warum gingen Sie nach Zürich, und nicht direkt nach Deutschland?
Ich hätte auch nach München oder nach Bochum gehen können für die Schauspielschule. Aber ich bin inzwischen froh darüber. Der Übergang war ein bisschen sanfter. Ich erinnere mich, dass ich an meinem ersten Tag in Zürich noch jeden auf der Strasse gegrüsst habe. Ich war wirklich das klassische Landei. Ich hatte in Zürich aber auch Vorteile. Wenn ich als Student eine Wohnung suchte, musste ich nur sagen, ich bin Bündner. Und wenn ich noch sagte, ich bin Rätoromane, ging es noch schneller. Die Schweizer haben das Gefühl, wir müssten geschützt werden.
Wie kommt jemand aus der Surselva in den 1980er-Jahren auf die Idee, Theater zu machen?
Figuren wie Zarli Carigiet waren dabei schon wichtig, also Menschen, die gezeigt haben, dass man es schaffen kann in der Schweiz. Damals meinte ich noch, ich komme sowieso nicht aus der Schweiz raus. Ich wollte Volksschauspieler werden, wie Zarli oder Ruedi Walter. Ich hatte gar keine Intention, nach Deutschland zu gehen, und vor allem nicht nach Österreich. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, ich hatte keine Ahnung, was Schaubühne, Deutsches Theater, Volksbühne überhaupt sind. Und ich konnte mir vor allem nie jemanden wie mich vor einer Filmkamera vorstellen. Ich hatte das Gefühl, ich sehe viel zu dick und viel zu dumm aus vor der Kamera.
Was hat die Schauspielschule für Sie verändert?
Die dreieinhalb Jahre Ausbildung waren revolutionär. Man setzt sich intensiv mit sich selbst auseinander, mit seinem Körper, mit seinem Denken, mit seiner Sexualität. Es war eine Erweckungszeit. Ich habe gemerkt: Alles, was in mir steckt, aber auch alles, wonach ich mich sehne, ist in diesem Beruf möglich. Es war alles schon da, von der Veranlagung her. Ich musste es einfach durch die Ausbildung erfahren. Meine Lehrer meinten während der Schauspielschule immer wieder: Ja, du kannst Volksschauspieler werden, wenn du willst. Aber du hast das Talent, ein ganz grosser deutscher Schauspieler zu werden.
1992 gingen Sie nach Berlin – wie war das damals?
Es war hart. Ich habe die ersten acht Monate in Berlin alle Kinderkrankheiten nochmals durchgemacht. Psychosomatische Schmerzen. Ich habe gemerkt: Ich muss mich extrem anpassen, wenn ich mich durchsetzen möchte. An die Schnelligkeit, an die Brutalität im Umgang miteinander. Bis ich auf einmal vor der Volksbühne stand, und es wie ein Blitz durch meinen Kopf gefahren ist: Ab jetzt denke ich nur noch auf Hochdeutsch. Ab jetzt bin ich in Berlin.
Sie denken auf Hochdeutsch – wie steht es um Ihr Romanisch?
Ich habe ja vor wenigen Jahren das Stück «Peiden» mit dem Regisseur Rafael Sanchez und mit Roman Weishaupt erarbeitet. Da spreche ich viel Romanisch auf der Bühne. Mario Pacchioli, der als Sprechcoach mitwirkte, sagte mir, ich hätte einen total deutschen Akzent. Offenbar klang ich wie Arnold Schwarzenegger, wenn er Deutsch spricht. Tatsächlich fühle ich mich im Romanischen nicht mehr heimisch. Sicher fühle ich mich im Hochdeutschen. Aber jetzt, in Österreich, ist es wieder anders, dort reden sie ja nochmals ganz eigen.
Was bedeutet für Sie Muttersprache?
Ich würde mich schon eindeutig mit dem Hochdeutschen identifizieren. Ich lese wahnsinnig viel und kann mich am besten auf Hochdeutsch ausdrücken. Ich rechne auf Hochdeutsch, ich träume auf Hochdeutsch. Wenn ich zwei Wochen in Laax wäre, würde ich vielleicht wieder ein bisschen besser reden. Aber träumen tue ich trotzdem auf Hochdeutsch. In Österreich werde ich meistens als Deutscher gelesen, obwohl ich Schweizer bin. Es gibt schon so eine Art Identitätssuche. Bin ich jetzt eher Schweizer oder eher Deutscher?
Nochmals zu «Peiden», einem persönlichen Stück für Sie. Ihre Vorfahren führten das Kurhotel Peiden Bad. Was haben Sie beim Spielen dieses Stücks über sich selbst gelernt?
Es war eine extreme Erfahrung für mich. Nur schon auf der Bühne zu stehen und Rätoromanisch zu reden. Es spielt nicht in Laax, sondern in Peiden, wo meine Mutter aufgewachsen ist. Wir erzählen unsere Familiengeschichte ja immer aus der Vatersicht. Das Stück hat mich näher zu ihrer Geschichte gebracht. Es ist gleichzeitig eine Distanzierung und eine Annäherung. Ich bin bei dieser Arbeit mehr zu mir gekommen. Das war sehr prägend für mich, eines der prägendsten Dinge der letzten Jahre.
Wie meinen Sie das?
Es ist ein bisschen ähnlich, wie wenn jemand eine Biografie schreibt. Die Auseinandersetzung mit mir, mit meinem Weg, und mit dem, was hätte sein können, wenn ich geblieben wäre. Ich bin jetzt viel ruhiger und viel entspannter, wenn ich in Graubünden unterwegs bin. Früher hatte ich immer ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Graubünden. Als ich jung war, war auch sehr viel Wut dabei, über die Erziehung, über die Religion und so weiter. Das hat sich durch die Arbeit an «Peiden» normalisiert.
Sie haben sich mit Graubünden versöhnt – was hat sich sonst noch verändert?
Dazu eine kleine Geschichte: Ich habe mit meinem Mann zum ersten Mal, seit wir zusammen sind, so richtig bewusst Sommerferien in der Schweiz verbracht. Ich bin schon auch öfters in der Schweiz, aber meistens beruflich oder nur zwei, drei Tage, aber ich bereise die Schweiz nicht als Tourist. Und das habe ich jetzt einmal gemacht. Da habe ich schon gemerkt: Das Land ist verdammt schön. Wir sind Bernina Express und Glacier Express gefahren. Und sogar ich als Bündner habe die ganze Zeit gedacht: Wow, ist das genial, was für eine tolle Landschaft. Ich kenne wirklich ganz Europa, habe in fast allen Ländern Theater gespielt. Es ist schon witzig, dass man dann zurückkommt und die eigene Landschaft auf einmal völlig anders wahrnimmt.
Neben dem Theater stehen Sie auch für Film und Fernsehen vor der Kamera. Wo fühlen Sie sich mehr zu Hause?
Das Theater ist für mich als Ausdrucksform wichtiger. Wobei ich zwischen Kinofilm und Fernsehen nochmals einen Unterschied machen würde, das sind verschiedene Formate. Auf der Bühne bist du ein bisschen wie ein Landschaftsgärtner, du arbeitest auf riesigen Flächen. Im Film bist du Bonsai-Züchter. Ich habe kein besseres Bild dafür. Es sind ja ähnliche Jobs, es hat alles mit Schauspiel zu tun, aber es ist ein ganz anderer Umgang.
Und was zieht Sie zur «Landschaftsgärtnerei»?
Ich kann mich besser ausdrücken, wenn ich meinen ganzen Körper brauche. Ich liebe grosse Theaterbühnen. Ich fühle mich wohl auf einer Fläche, die 25 auf 30 Meter misst. Dort fühle ich mich nicht allein.
Das Theater sei eine «Wahrheitsdroge», las ich in einem Text über Sie. Was heisst das für Sie?
Für mich ist es tatsächlich ein religiöser Moment, auf der Bühne zu stehen. Ich versuche, den absoluten Moment zu erreichen, in dem ich kongruent bin mit mir, mit der Umwelt und mit der Zeit. Indem ich eins bin – obwohl alles künstlich ist: Die Texte, die Kulisse, die Zuschauer, und auch die Zeit ist nicht die Zeit, in der wir uns befinden – es ist alles behauptet. Drei-, viermal im Jahr gelingt mir dieses Eins-Sein, nur für fünf bis fünfzehn Sekunden. Raum, Zeit und Künstlichkeit lösen sich auf. Seit ich das zum ersten Mal erlebt habe, ist es wie eine Sucht geworden, immer wieder dorthin zu gelangen.
Wann war dieses erste Mal?
In der Schauspielschule, bei einer Sprechübung. Der Lehrer sagte: Lass jetzt los, du hältst noch etwas zurück. Dann bin ich aufgestanden und mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen. Aber ich hatte das Gefühl: Jetzt lasse ich endlich los. Ich weiss noch, wie ich danach zu meiner Mutter nach Laax kam und immer noch zitterte. Sie sagte: Du gehst da jetzt nicht mehr hin, das ist nicht gut für dich. Und ich sagte: Nein, Mama, das ist genau das Richtige.
Andere suchen solche Momente in der Natur, beim Sport oder in der Meditation.
Das ist der grosse Widerspruch: Ich erlebe das ausgerechnet dort, wo alles künstlich ist. In der Natur will ich innerlich immer fliehen, weil dort alles bedrohlich ist für mich. Die Mücken, die Tiere. Ich habe eine Grasallergie. Eine Zeit lang war ich zwar Buddhist, meine Reise zu mir selber hatte zuerst religiöse Gründe. Dann merkte ich aber, dass daraus nichts wird.
Sie gelten als sehr körperlicher, emotionaler Schauspieler. Wie ruft man denselben Zustand mehrmals hintereinander ab, Abend für Abend?
Es ist ein bisschen ähnlich wie beim Skifahren. Man sieht manchmal am Fernsehen, wie die Fahrer vor dem Start die Abfahrt im Kopf durchgehen. Genau das mache ich vor jeder Vorstellung: Den ganzen Text, die ganze emotionale Kurve gehe ich im Kopf durch.
Und die Gefühle selbst – wie lassen die sich herstellen?
Dafür gibt es Übungen. Ich kann einzelne Muskeln im Gesicht anspannen, und verschiedene Muskeln können verschiedene Emotionen beinhalten. Ich habe inzwischen so viel geübt, dass es wie ein Pawlowscher Reflex funktioniert. Ich kann innerhalb einer halben Minute anfangen zu weinen. Jetzt gerade könnte ich das.
Sind Sie dadurch ein Experte für Gefühle?
Was andere machen, indem sie Gefühle nicht zulassen, mache ich genau umgekehrt: Ich lasse sie sehr stark zu und beherrsche sie dann. Während des Spiels kann ich das Glückliche oder das Aggressive nach vorne drücken, wie an einem Regler. Ich kann zu 50 Prozent innerlich glücklich sein und noch ein bisschen Aggression dazunehmen. Dann kriegt man diesen wahnsinnigen Ausdruck. Bis zu drei Emotionen kann ich gleichzeitig hoch- oder runterfahren. Wenn ich eine Szene oft genug gespielt habe, läuft es irgendwann von allein. Dann muss ich nicht mehr steuern, dann bin ich einfach das, was es ist.
Was macht diese Gefühlsarbeit mit Ihnen als Privatperson?
Ich bin nicht der unanstrengendste Mensch, den es gibt, ganz und gar nicht. Kontrolliert, überlegt, reflektiert – das ist es ja, was in der Schweiz gilt. Reflektiert bin ich schon, aber kontrolliert überhaupt nicht. Das ist nicht mein Job. Ruhiger bin ich trotzdem geworden, das kommt mit dem Alter. Und privat spiele ich gar nicht mehr, da lasse ich alles zu.
Sie könnten also kein Politiker sein?
Keine Viertelstunde. Ich kann nicht einmal schwarzfahren. Das merkt jeder Kontrolleur sofort. Da muss ich extrem spielen, damit ich nicht nervös wirke. Aber wer ein bisschen etwas von Schauspielerei versteht, sähe sofort, dass ich etwas vorspiele.
Ein Schauspieler, der nicht lügen kann?
Ja. Ich bin kein guter Lügner.
Bruno Cathomas
Bruno Cathomas, geboren 1965 in Laax, absolvierte eine Schlosserlehre, bevor er an der Schauspielakademie Zürich studierte. Nach Stationen u. a. an der Berliner Volksbühne und am Schauspiel Köln gehört er seit 2024 zum Ensemble des Wiener Burgtheaters. Neben Theaterrollen glänzt er in Filmen wie «Viehjud Levi» (nominiert für den Deutschen Filmpreis 1999), der rätoromanischen Komödie «Amur senza fin» oder im Tatort. Er wurde mit dem Schweizer Filmpreis (2008) und dem Schweizer Preis Darstellende Künste (2023) ausgezeichnet. Ab September 2026 ist er am Akademietheater Wien in «Merlin oder das wüste Land» zu sehen.
Autor
Julian Reich ist Redaktionsleiter der «Terra Grischuna». julian.reich@somedia.ch